Vier Monate und vier Texte später...Text: mo.
Es gibt Interviews, in denen der Interview-Partner ein vorgefertigtes Programm abspult bei dem man nicht dazwischen kommt. So verlief mein allererstes Interview als Greenhorn mit LTJ Bukem. Das war damals. Es gibt Interviews, in welchen man sich nur 30 Minuten mit einem Künstler unterhalten darf und anschließend vor Wut weint, dass einem nicht mehr Zeit eingeräumt wurde, um mit diesem Menschen weiter zu diskutieren und reden zu dürfen. So ging es mir mit dem knuddeligen Kid Koala. Dann wiederum gab es Interviews bei denen ich vor einer tätowierten Band aus L.A. sitze, die überstyled und aussagelos irgendwelche Rockhülsen von sich gibt, um anschließend von mir samt Bandname wieder vergessen zu werden.
Und dann gibt es noch diese Interviews, die sich zu Gesprächen entwickeln. In denen man nicht nur Geschichten, Ideen und Ereignisse erzählt bekommt, sondern bei denen man sich aktiv mit jemandem auseinandersetzt, der gleichzeitig ein offenes Ohr für sein Gegenüber hat. Das war im November 2004 als ich Sandra Stein gegenüber saß.
Sandra Stein ist Fotografin. Das erste Mal begegnet bin ich ihr auf einer privaten und kleinen Geburtstagsfeier. Dort habe ich mich mit ihr nur kurz unterhalten und erfahren, dass sie Bilder für Musikmagazine wie Intro, Spex und De:Bug schießt. Am nächsten Tag bin ich dann neugierig auf ihre Website spaziert und habe einige Fotos aus alten Heften wiedererkannt und war von anderen fasziniert - trotz ihrer zu kleinen Auflösung.
Nicht nur als Fotografin, sondern auch als Mensch hat Sandra Stein ein Gespür für die lebendigen Nuancen dazwischen. Unter ihrem Focus hebt sie Dinge aus der vermeintlichen Belanglosigkeit unter die Augen des Betrachters. Formen finden Beachtung, die andere Schauende ganz einfach übersehen hätten: ein schlichtes weiß-rot-gestreiftes Absperrband an einer Baustelle zum Beispiel, dass über die verdeckte Fassade gespannt ist. Oder Pflanzen, Dinge und Gegenstände, die in der eigenen Wohnung warten, um zum Motiv erhoben zu werden. Denn Formen bringen sie zum Lachen und begeistern, berichtet sie. Formen beinhalten Emotionen und können lustig sein und Freunde lachen gerne mit, wenn sie sie auf diese Gegebenheiten hinweist.
Natürlich stellt sie nicht nur Stillleben scharf, sondern vor allem auch Menschen - meist Stars und Sternchen der Indie-Szene. Um diese Menschen abzulichten hat sie meist wenig Zeit. Wie überall auch muss es schnell gehen. Wichtig dabei ist ihr Gespür für den Menschen. Das hat sie wahrscheinlich in ihrer Kindheit und Jugend entwickelt, reflektiert die 32-jährige. Denn sie musste oft die Schule wechseln. Insgesamt 16 mal. Logisch, dass man da des Überlebens willen schnell und intuitiv erfassen muss, wer "Freund" und "Feind" ist, sonst bleibt man definitiv auf der Strecke.
Was mich an Sandras Bildern begeistert, ist der lichte und positive Effekt, der die Bilder zum Scheinen bringt. Bei ihrer Kunst geht es ihr nicht ums Schönreden bzw. Schönzeigen. Ihre Fotos versuchen nichts zu verheimlichen und wollen auch nichts in einem glamourösen Spotlight zeigen, wo keiner ist. Das Leben kennt keine Spotlights, die wirft man hoffentlich selbst. Darum ist ihr die gekünstelte Inszenierung von Menschen und Dingen vollkommen fremd. Teilweise könnte man deswegen manche ihrer Fotos auch als nüchtern bezeichnen. Dabei wartet Sie nur darauf, dass die anderen Künstler einen Moment sie selbst sind. Natürlich wissen die meisten Bands und Musiker, wie sie wirken wollen und möchten sich nur von ihrer Schokoladenseite präsentieren. Dafür haben sie schließlich zu lange über ihre mögliche Wirkung nachgedacht, konstatiert Sandra Stein. Der innere Wunsch des Künstlers, wie er gesehen werden möchte, muss sie als Fotografin beachten. Trotzdem schafft es Sandra Stein immer wieder, dass die Menschen in ihren Fotos persönlich wirken und lange nicht so gekünstelt wie viele der Hochglanzschaumbilder der meisten Musikmagazine und Illustrierten.
In ihrer Vergangenheit hat Sandra Stein viele Berufswege ausprobiert, um an den Punkt zu gelangen, wo sie heute steht. Selten habe ich einen Menschen kennengelernt, die so ausgiebig Praktika hier und dort ausprobiert hat. Vom Elektriker bis zum Bühnenbild, von der Künstlergemeinschaft bis hin zur Malerin - Sandra hat einiges getestet. Ein paar "eklige" Jobs z.B. beim Fernsehen oder beim Kölner Sensationsblättchen Express waren auch dabei. Dazu gehörte zum Beispiel die fabulöse Serie "Express Yourself!" in welcher sie Stars und Sternchen auf roten Teppichen und Happenings vor die Linse kriegen musste. Spaß hat das nicht wirklich gemacht...
Wahrscheinlich liegt das am Hauptmotiv ihrer Arbeit, das aus dem Wunsch besteht etwas zu zeigen, dass andere nicht sehen. Wahrscheinlich ist es einfach der Wunsch zu begeistern und mitzuteilen, was man selbst fühlt. Als Einzelkind, so sinniert Sandra Stein an dem November-Nachmittag, saß sie oft im Auto, wenn es von hier nach da ging. Auf jeder Fahrt hat sie mindestens immer einen großen Greifvogel gesehen und jede Menge anderer spannender Dinge. Eine Schwester oder Bruder, der mitgeschaut und zugehört hätte, fehlte und deswegen ist der Wunsch Formen, Dinge und Bilder zu zeigen geblieben. Dafür dürfen wir heute schauen, wenn die Fotografin uns ihre aufgenommenen Momente zeigt. Momente, die natürlich auch über den Menschen, der hinter der Kamera versteckt steht, etwas erzählen.
Website: Fotografin Sandra Stein
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