Flim

Rubrik » Interview Portrait

flim.jpgEs geht weiter. Tomlab liefert auch dieses Jahr eine Ausnahmeplatte nach der anderen ab und lässt Beliebigkeiten dabei im Regen stehen. Letztes Jahr hatte es mir vor allem "Given you nothing" von Flim aus Dresden angetan. Die Vergleiche, die er sich gefallen lassen musste, reichten von Talk Talk’s Mark Hollis bis Erik Satie.

Zaghaft, aber hypnotisch klangen diese Miniaturmonster auf dem Debüt, das viel mehr als eine von vielen sanften Indietronicsplatten im Jahr 2002 war. Wachstum bei jedem Hören und irgendwann dann täglicher Begleiter. Mit Enrico Wuttkes zweitem Album "Helio" wird es mir bestimmt ähnlich gehen, obwohl es zunächst doch etwas sperriger daher kommt.

Zwischen Pluckersound und Dur-Akkord

flim-tomlab.jpg"Doomig" nennt er "Helio", aber auch "fröhlicher" und hat damit Recht. "How i trashed my knees" eröffnet mit zwei Minuten Dissonanz das Album, dann biegen pluckernde Rhythmen ums Eck und die einsetzenden Durakkorde wirken umso besser. Ganz sicher ist, dass diese Ecken und Kanten, bewusst gesetzte Disharmonien und (Ver-) Stimmungen auf jeden Fall verhindern, dass diese Platte als nett diffamiert werden kann, das Totschlagargument gegen Indietronics-Platten.

Bekommt Enrico bei Adjektiven wie "nett" Bauchschmerzen oder berührt ihn das nicht weiter? "Sicher kriege ich da Bauchweh. Ich denke nicht, dass meine Musik nur "nett" ist. Ich glaube auch, dass sie genügend "Deepness" besitzt, ansonsten hätte ich nicht so lange daran gearbeitet. Vielleicht hat sie einigen zu wenig theoretischen Überbau oder wirkt vielleicht manchmal zu einfach. Aber das sollte auch Sinn und Zweck der Übung sein. Ich will einfach keine selt same, kopflastige, gewollt abstrakte Musik machen. Musik sollte ehrlich und direkt sein. Sie sollte etwas von deiner eigenen Person erzählen. Je tiefer das geht, um so besser. Manchmal reicht dafür aber auch nur eine Skizze. Dass man dabei plötzlich teil einer gewissen Stilistik ist, wie es im letzten Jahr der Fall war (z.B. März), ist doch ganz natürlich. Ich persönlich war da ganz froh, dass mal wieder etwas "Schönklang" herrschte."

Zwischen Doom und Optimismusbonbon

flim3.jpgFlims zweites Album ist auf jeden Fall vielseitiger, obwohl die Tracks aus einem kürzeren Zeitraum entstammen. Neben den wunderbaren Plinkerschönheiten gibt es nun auch zwei Optimismusbonbons mit gerader Bassdrum, verwuselte Popsongs oder den manischen Rocker "For Fred", der mich an Bands wie Mogwai oder Hood erinnert. Wie würde Enrico die Unterschiede zwischen den Alben beschreiben?

"Schwer. Mir geht’s da sicher wie vielen. Dass man seine Sachen, wenn’s dann mal endlich gepresst ist, überhaupt nicht mehr hören kann. Insofern fällt es mir schwer, "Helio" objektiv zu beurteilen. "Given you nothing" war schon sehr privat, so’n bisschen Fotoalbum, eben allein wegen der Zeitspanne. Viele Stücke waren damals nach vielen Irrungen und Wirrungen wie ein Neustart für mich: reduzieren, runterschrauben, nur noch Klavier und Orgel, ein paar Plug-ins. Ich hatte mir irgendwann die Aufgabe gestellt, nur noch 3-Minuten-Tracks zu schreiben, weil alles nur noch endlos ausuferte. Die neuen Stücke sind schon sehr beruhigt. Begeistert hatte mich auch die Idee, wieder reine Klavierstücke zu schreiben, die trotzdem irgendwie Electronica sein könnten. "Helio" ist irgendwie lustiger, nicht ganz so melancholisch, obwohl sie trotzdem doch manchmal etwas doomig wirkt. "Helio" klappert mehr, macht ein bisschen mehr Krach. "For Fred" war das erste Stück nach der "Given you nothing", da sollte erst mal Schluss sein mit Sofa :) Ich denke die Cover Artworks sagen in der Richtung schon sehr viel aus."

Nicht nur vielseitiger ist es, das neue Album, sondern auch elektronischer, und das in Zeiten in denen alle scheinbar wieder versuchen, möglichst "natürlich" zu klingen. Enrico: "Dass die 'Helio' elektronischer wirkt, liegt vielleicht auch an den beiden "4 to the floor"-Sachen - "Helio" und "Chime" - und so was wollte ich schon immer mal machen. Ich denke auch, dass viele Stücke auf dem neuen Album einfach etwas komplexer sind und es deshalb vielleicht abstrakter wirkt. Es ist aber trotzdem immer mein Bestreben, möglichst nicht sequenced zu wirken, möglichst viel in "realtime" zu spielen. Ich hoffe, dass das ein bisschen auch so rüberkommt."

Freischweber

flim2.jpgDie Musik von Flim wirkt sehr eigen und eigentlich frei von Zitaten. Ganz so als würde er keine Einflüsse zulassen, wie ist das, hörst du aktuelle Sachen?

Enrico: "Ja, ich bekomme schon mit, was momentan so ungefähr passiert. In der elektronischen Richtung gibt es allerdings eher wenig, was mich wirklich begeistert. Fridge’s "Happiness" fand ich sehr spannend. Oder die Keith Fullerton Whitman (auf Kranky) ist meiner Meinung nach perfekt. Und natürlich Tomlab Releases. Das ist ja sowieso das beste Label der Welt. ;) Es ist schon sehr deutlich, dass vieles wieder sehr analog wird. Mehr Gitarren, Klavier, Gesang. Das ist sicher ok, da man ja irgendwie immer nach anderen Wegen sucht. Aber oft sagt es mir einfach zu wenig. Bei Clicks'n'Cuts stört mich immer, dass ganz oft der ursprüngliche Track, der manchmal richtig super ist, durch das ganze Geschnirpse zugemanscht wird. Aber vielleicht bin ich da doch einfach schon jenseits der Schallgrenze :)" (René Margraff),

Das Portrait "Tomlab - Liebenswert und weltumspannend" zum Label findet Ihr bei uns hier.

"Helio" ist auf Tomlab (Hausmusik, A-Musik, Kompakt) erschienen. Reinhören könnt ihr unter: www.tomlab.de

Dieser Artikel erschien im Yotzine #26. Zu finden unter: www.yotzine.de.

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