Digitalverein: Aufmerksamkeit für das zufällige Knistern dazwischen

Rubrik » Interview Portrait

digitalverein2.jpgJörg Schuster gehört mit seinem Projekt Digitalverein und unter seinem weiteren Alias Lufth zu den herausragenden Künstlern bei Thinner. Herausragend vor allem, weil er sich nicht einem 4-on-the-floor-Diktat beugt, sondern eigenwillige Musik zwischen Electronica, Ambient und dubbig-elektronischem Downbeat entwirft. Wir haben ihn zu seinem neuen Album "Changes" interviewt.

Nicht nur die Download-Statistiken auf scene.org sprechen eine klare Sprache. Digitalverein gehört zu den beliebtesten Acts auf Thinner. Dabei geht er mit seinen Veröffentlichungen einen eigenwilligeren Weg als viele der anderen DubTechno-Aktivisten. Und vielleicht deswegen ist er so beliebt. Auch wenn er deutliche Einflüsse von Künstlern wie Pole oder Akufen nicht leugnen kann, geht er doch seine eigenen Wege.

Mir persönlich gefällt dabei das poppige Element, dass Jörg in seine Tracks und Songs einbettet. Er hat so ein gewisses Gespür für Stimmungen, die Wärme und Ruhe verbreiten und durch ihre Melodiösität wirken. Das Knistern und der kleine Zufall dazwischen spielen für ihn hierbei eine große Rolle.

Warum "Changes"? Was hat sich verändert, worauf spielt der Titel an? Veränderungen im Privatleben, im Sound oder in den eigenen Lebenseinstellungen?

Von allem etwas. Ab Mitte dieses Jahres gab es beruflich einige Turbulenzen und Pläne; unter anderem ein Umzugsplan mit meiner Familie nach Hamburg, viel hin und her. Im beruflichen Bereich habe ich mich jetzt letztendlich dazu entschieden, wieder selbstständig zu werden und das sind schonmal sehr einschneidende Veränderungen. Im Sound sehe ich eher marginale, in meinen eigenen Lebenseinstellungen schon mehr Änderungen, da versuche ich gerade mir mehr Konsequenz in allen Lebensbereichen anzueignen. Ab Frühsommer ist jedenfalls eine Menge passiert, dies geht natürlich einher mit der Art und Weise, wie ich Musik mache und da kam mir dieser Titel in den Sinn, als beste Umschreibung der Situation.

Du hast mir einmal erzählt, dass Du nicht tagelang an einem Track sitzt. Wie lange hast Du für das neue Album gebraucht und wie erklärst Du Deine unglaubliche Produktivität?

Mein Anspruch an die Qualität und Programmierung meiner Musik hat sich seit unserem Gespräch damals etwas verändert, ich achte jetzt mehr auf Sachen, die mir vorher einfach egal waren, und daraus resultierend sitze ich nun schon etwas länger dran. Aber ich gehe nach wie vor ohne ein Plan von dem, was ich gleich machen werde an meinen Rechner und setze eine spontane Emotion um, reflektiere abstrakte Erinnerungen, Situationen, Empfindungen und Erlebnnisse, manchmal die Beschreibung eines Details. Dies kann und darf natürlich einen gewissen Zeitrahmen [meist 1-3 Stunden] nicht überschreiten. In dieser Zeit programmiere ich alle Sounds und Loops, das Arrangement mache ich teilweise später. Ausserdem hatte ich jobbedingt nicht mehr als höchstens 1-2 Stunden am Tag Zeit für Musik. Wenn ich jetzt sagen müsste, wieviel Zeit ich insgesamt für das Album 'Changes' gebraucht habe, muss ich eigentlich die Zeit des Erlebens mitrechnen, was ich natürlich nicht annähernd angeben kann. Aber für die reine Produktionszeit habe ich ca. 3 Wochen gebraucht. Zur Produktivität möchte ich noch sagen, dass es da natürlich auch mal Phasen gibt, in denen auch ich nur Musik höre und nichts produzieren kann, zumal ich, wie gesagt noch eine Familie habe, und die wollen mich natürlich auch...

Scheinbar hat Akufen mit seinen Vocal-Schnippseln einen bleibenden Eindruck bei Elektronik-Produzenten hinterlassen. Wie Paul Keeley auch benutzt Du in "Don't make me cry again" kurze Vocal-Schnippsel. Woher stammen die und warum hast Du die in Deinen Track so markant gesetzt?

Akufen musste mit diesen Tracks einfach einen bleibenden Eindruck hinterlassen, meine Lieblingstracks von ihm sind allerdings die, bei denen die Vocals mehr im Hintergrund ablaufen. Ich tue mich mit Gesang oder Vocals ja generell schwer, dies war mal wieder ein Versuch Vocals einzubinden; mit denen habe ich sogar angefangen bei der Looperstellung des Tracks. Woher die Vocals stammen, lasse ich im Unklaren, doch haben sie und vor allem ihre Stimmung mit der Geschichte des Tracks zu tun. Dieser handelt übrigens von einer Tasche...

Du scheinst zur Zeit sehr von einer Art Cut-Up-Ästhetik begeistert zu sein. Wie kann man sich Deine Arbeit vorstellen und hat das irgendwelche Gründe?

Mich interessieren seit jeher diverse Looping- und Cut-Up Techniken, ich versuche den Schmutz, der dabei entsteht, einzufangen und mitzuverarbeiten, jenseits der bekannten Clicks, Cuts und Faxgeräusche. Das Programm Live von Ableton ist da natürlich eine Offenbarung, da es auf Wunsch soviel Artefakte produziert wie nichts vergleichbares. Diese nehme ich dann, schneide sie und setze sie als Element mit ein. Und wer mich kennt, weiss um meine Liebe zu diversen Zufalls- und Chaostheorien. Daraus resultierend arbeite ich im Hintergrund mit allerlei Randomfunktionen.


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Für Sound-Nerds und Produzenten: Mit welchen Werkzeugen bzw. Software arbeitest Du?

Ich arbeite seit etlichen Jahren komplett am Rechner, bis vor kurzem habe ich mit einem IBM T30 Notebook, einer RME Multiface Soundkarte und diversen Midicontrollern gearbeitet, doch all dies wurde mir nach einem Set im Pudel in Hamburg aus dem Auto geklaut. Momentan wieder IBM T30, geliehene Indigo I/O Soundcard, dann baue mir gerade einen Controller- und Softwaremäßig arbeite ich mit dem Verbund Live und Reason, ich stehe auf den Sound der Arturia Moog Emulationen, FM7, Malström, benutze aber auch noch haufenweise kleine Freeware-Programme vor allem für Noise.

Paralell zur Netaudio-Veröffentlichung erscheint auch eine CD Deines Albums mit zwei Bonus-Tracks. Warum? Möchte man doch als Künstler sich auch gerne physisch manifestieren?

Auch. Und es gibt einfach immer wieder die Nachfrage nach physischen Datenträgern. Die auf Stückzahl limitierten CD-Rs habe ich ja schon beim letzten Digitalverein Album auf Thinner gemacht und es gibt einfach genug Menschen, die gerne eine CD oder ein Tape oder Vinyl anfassen und ein echtes Cover anschauen wollen. Ausserdem ist die Soundqualität bekanntermaßen besser. Das bringt mir zusätzliche Arbeit, aber auch etwas Geld, welches ich z.B. in neues Equipment stecken werde.

Was erwartet den Käufer einer CD?

Als Trägermedium natürlich eine CD samt Hülle und Cover. Als getragene Information die musikalische Umsetzung diverser Ereignisse und Situationen, die ich in diesem Jahr erleben durfte. Natürlich alles mit viel Gefühl und Liebe zum Detail.

Links

Künstler-Website: www.digitalverein.com Release: Digitalverein - Changes LP Netlabel Thinner: www.thinnerism.com
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Kommentare

wiedereinmal weiss herr schuster zu überzeugen.

danke!

meint: sur am 23.12.04

ich hab dich immer noch lieb, jörg ;)

frohe weihnachten,
ronny

meint: ronny am 23.12.04

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