Dictaphone – Zwischen Theatermusik und Hofatmosphäre

Rubrik » Interview Portrait

dictaphone.jpgOliver Doerell hat mit seinem Dictaphone Debüt "M=Addiction" dem Katalog von City Centre Offices eine der schönsten Platten hinzugefügt. Die Produktionsweise seiner akustischen Slomo-Aquarelle ist elektronisch, aber da die Stücke hier neben Elektronik, Gitarren, Melodica und Bass auch eine vorsichtig angeblasene Klarinette und ein Saxophon mit im Repertoire haben, klingt es schon irgendwie nach Jazz.

Eine ähnliche Klangfarbe wie die der späten Talk Talk wird hier mit seltsamen Loops kombiniert und alle Fenster weit aufgerissen. Die Musik von Dictaphone wirkt zerbrechlich und offen, obwohl viele Tracks das Ergebnis von Improvisationen sind, wird hier nicht gedudelt oder gedaddelt. Und weil Oliver mich mit seiner Platte durch den Winter rettete, rufe ich doch einfach mal an und stelle ein paar Fragen.

Phlow: Was hast du mit Jazz am Hut?

Oliver: Das ist eine wiederkehrende Frage. Eigentlich nicht besonders viel. Es gibt ein paar Jazzsachen, die mir gefallen. Das ist zum Beispiel die Filmmusik für "Ascenseur pur l'èchafaud" von Miles Davis. Ein paar John Coltrane Sachen finde ich auch ganz gut, aber eigentlich ist mir das immer zu viel Rumgedaddel. Da steh ich nicht so richtig drauf. Wobei ich auch sagen muss, dass ich nicht so ein richtiger Experte bin. Es gibt da bestimmt noch viel zu entdecken, ist aber so ein Riesenfeld, dass ich ein bisschen Probleme habe, da einzusteigen.

Phlow: Besonders beeindruckend ist, dass "M=Addiction" wie aus einem Guss zu sein scheint, eine eigene Klangfarbe hat, die es auch so schwierig macht, die Musik von Dictaphone mit schnöden Vergleichen zu belegen. Wie lange hast Du dazu gebraucht, Deine Musik so klingen zu lassen, wie sie nun klingt? Steckt da viel Arbeit dahinter oder kam Dir das alles zugeflogen, so lässig und unangestrengt wie das eigentlich klingt?

cover-dictaphone.jpgOliver: Es war schon ein superlanger Prozess. Ich habe ja auch drei Jahre gebraucht, um dieses Album fertig zu stellen. Vor allem im Elektronikbereich habe ich lange Zeit gebraucht, um festzustellen, was das alles ist. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, welche Klangstrukturen ich eigentlich mag. Ich bin da auch nicht so dogmatisch, welches Instrument, was spielt. Ich bin ja kein Gitarrenhasser oder so, ich spiele ja auch Gitarre. Ich habe sehr viel Spaß an diesem Elektronikkram, würde das aber nicht immer so auf das Elektronikgleis schieben.

Die Arbeitsweise hat sehr viel mit Elektronik zu tun, da ich ja sehr viel mit Schnitten arbeite, also normalerweise irgendeine Grundspur habe und darauf improvisiere. Viel alleine, aber auch viel mit meinem Kollegen. Dann werfe ich quasi wieder alles raus. Es ist oft so, dass ich 16 Spuren einspiele und das dann wieder reduziere auf die wichtigen Bestandteile, also versuche, da irgendwie eine Faden rein zu bekommen und eine Geschichte zu erzählen. Ich arbeite auch ganz selten mit Sequencern, auch Midikram ist völlig uninteressant im Moment. Diese Programmiererei macht ja auch gar keinen Spaß.

Neben seiner Arbeit an Dictaphone arbeitet Oliver aber auch als Musiker für Tanztheater. Klar, dass das in diesen Zeiten zu Problemen führt.

Oliver: Ich mach' seit 6 Jahren Theatermusik. Letztes Jahr habe ich das erste Mal kein Geld bekommen. Davor hatte ich die ersten drei Jahre Verträge über ein paar Monate, das war dann ganz angenehm.

Das ist jetzt schon viel schwieriger. Wir haben die letzte Produktion ganz ohne Geld gemacht und jetzt fürs nächste Jahr gibt es wohl wieder Geld. Aber es gab in Berlin einen Haushaltsstopp. Wir hatten eigentlich eine Zusage, doch die Gelder wurden dann in letzter Sekunde, was in Berlin zuvor noch nie passiert ist, voll gestrichen. Es war halt ein Haushaltsstopp und wir sind da drunter gefallen und haben keinen Pfennig Geld gekriegt."

Phlow: Wie siehst Du die Trennung von Beruf und Kunst sowie Kommerz und Kunst? Wovon lebst Du dann in solchen Situationen?

Oliver: Das ist ganz unterschiedlich. Von der Musik kann ich sowieso nicht leben. Das ist ein etwas kompliziertes Konstrukt hier. Ich bin Familienvater, habe zwei Kinder und meine Freundin hat zum Glück einen bürgerlichen Job, obwohl sie eigentlich auch Künstlerin ist. Sie ist aber auch Sozialarbeiterin und kann uns dann so finanzieren. Und bei mir kommt halt auch ein bisschen Geld rein. Nun ja, das ist ja nichts Ungewöhnliches für einen Musiker. Kennst Du wohl Leute, die von Ihrer Musik gut leben können? Nein, das nicht… Manche fangen dann ja aber auch noch an Werbemusik oder solche Dinge zu machen…

Phlow: Was hältst Du von solchen Kompromissen?

Oliver: Ich mache eigentlich keine Kompromisse, es ist nicht so, dass ich Werbeaufträgen hinterherlaufen würde und habe da auch nicht so viele Angebote, das liegt aber auch mit daran, dass ich mich nicht drum kümmere. Da ist mir nicht so nach, andererseits finde ich das auch nicht verwerflich. Es ist nur nicht mein Ding, nicht meine Welt, aber ich habe da kein Problem damit, wenn Leute so was machen, um sich zu finanzieren, ich mein, es gibt schlimmere Sachen."

Phlow: Was unterscheidet Deine Arbeit für die Tanztheater von Dictaphone?

Oliver: Beim Theater hast Du einen Boss. Das ist schon so, mit einem Choreographen, so eine richtig freie Arbeit ist das natürlich nicht mehr. Bei der letzten Produktion, die halt ohne Geld war, war das relativ frei. Da haben wir dann auch so ein Mischkonzept gemacht, ein kurzes Tanzstück und dazu ein Konzert von uns. Insofern hatte es schon einen Bezug zueinander…

Ansonsten habe ich damit aber auch immer mehr Probleme, vor allem mit diesem Hierarchieding, das hatte ich sowieso schon immer, aber das ist mir jetzt so richtig aufgefallen. Diese Tanztheater werde ich nun auch mal nicht mehr weitermachen, weil ich da immer gegen eine Wand renne. Ich fühle mich auf Dauer immer ein bisschen gehemmt. Das ist wenn ich meinen Kram mache natürlich nicht so. Auf der anderen Seite hat die Theaterarbeit aber schon mein Zeug beeinflusst. Das schon. Bei der ersten Theaterproduktion, die ich gemacht habe, vor sechs Jahren, da hatte ich zum Beispiel einfach monatelang Zeit, nur Rauschen zu machen, mich einfach nur mit Rauschen zu beschäftigen. Dafür habe ich Geld bekommen. Das ist dann schon eine spezielle Situation, etwas, das ich ohne Ziel vor Augen, also diese Produktion, so nicht gemacht hätte.

Phlow: Stichwort Rauschen. Mir ist auch aufgefallen, dass in Deiner Musik allerlei Alltagsgeräusche Platz finden. Sei es Straßenlärm oder Nebengeräusche in Räumen. Fügst Du extra Spuren mit diesen Geräuschen dazu oder wie machst Du das?

Oliver: Ja, also, ein Schwimmbad habe ich nicht in meinem Hof… Tendenziell ist das schon so, dass ich beispielsweise merke, dass die Hofatmosphäre gerade spannend ist und sie per Zufall mit drauf ist. Da wird das dann mehr betont als kaschiert. Ich arbeite ja auch zu Hause und versuche alles, was mich umgibt, mit einzubringen. Beim Aufnehmen bin ich auch der völlige "Trasher",… ein schlechtes Mikro irgendwo in die Gegend hängen und dann Roger Döring, meinen Saxophonisten dazu spielen lassen… Das wird bewusst nicht drauf geachtet, dass das immer besonders gut klingt, sondern eher so, dass da dann auch mal eine Tür aufgehen kann. Hier sind halt auch zwei kleine Kinder, da passiert auch viel. Es gibt Situationen, in denen das sehr schön sein kann. Wenn die Kleine dann reinkommt und mir eine Frage stellt, die wirst Du dann im Gesamtkontext gar nicht mehr verstehen können. Es ist einfach so 'ne Klangfarbe, die dann dazu kommt.

Phlow: Wie arbeitest Du mit Roger Döring zusammen? Ist er Dein Hauptmitmusiker oder komponiert er auch Tracks?

Oliver: Nee, er komponiert nicht. Aber trotzdem ist er sehr, sehr wichtig. Ich mache Entwürfe und versuche Sachen in den Griff zu kriegen, dann kommt er dazu und improvisiert und hat alle Freiheiten darauf zu spielen. Er spielt dann meist sehr viel darauf. Wie die meisten Sololeute eben viel zu viel. Ich reduzier das eigentlich dann in die Komposition und dadurch verändert sich das Ganze dann. Ich gehe also auf das ein, was er macht.

Phlow: Was macht er dann live? Spielt er das, was Du "rausgefiltert" hast?

Oliver: Haha, live ist das meist seine Interpretation von dem, was ich zusammengeschnitten habe. Das ist so ein Hin und Her.

Phlow: Und Du stehst am Laptop?

Oliver: Ich habe kein Laptop. Ich habe so einen Loopsampler von Yamaha, ein SU-700, ganz praktisches Ding. Das ist viel intuitiver als ein Laptop. Alles mit so Drehknöpfchen. Ich hab dann 20 Loops oder so gleichzeitig laufen und die mische ich zusammen. Das ist eigentlich ein offenes Konzept und kann jedes Mal völlig anders sein. Wir haben im letzten Jahr ja eine längere Tour gemacht, so 15 Konzerte und da haben wir das viel ausprobiert.

Phlow: Du kommst ja eigentlich aus Brüssel und hast schon mal an anderer Stelle gemeint, dass Dich das vor allem musikalisch geprägt hat. Inwiefern?

Oliver: Brüssel war ja in den 80ern so ein Treffpunkt von vielen internationalen Künstlern. Ich habe die Gründe nie wirklich verstanden. Colin Newman meinte, das lag an den billigen Mieten. Da haben sich ganz viele Leute getroffen und so gab es vor allen Dingen diese eine Szene um das Crammed Disc Label, das ist Minimal Compact und Tuxedomoon gewesen.

Da war ich, seitdem ich 15 bin, auf allen Konzerten von denen und das hat mich schon beeinflusst und sehr beeindruckt. Die haben sich auch immer völlig abgehoben von dem ganzen Wavekram, der so lief. Das war schon immer eine viel künstlerische Herangehensweise an Sachen, hatte ich das Gefühl. Die sahen damals schon wahnsinnig alt aus, das kann eigentlich gar nicht sein. Aber die sahen damals schon aus als wären sie über 40. Gerade Minimal Compact waren die beste Liveband aller Zeiten. Die Malka (Spigel) singt ja auch auf meinem Album und das ist natürlich ganz schön, dass das so zusammen gekommen ist. René Margraff.

Momentan arbeitet Oliver noch an einem neuen Projekt mit einem Pianisten. Am 23.05.2003 spielt er im Rahmen des "Kunst aus Strom"-Festivals zusammen mit Roger Döring in der Desi.

MP3: http://www.dictaphone-music.de/Tempelhof.mp3

Das Album "M=Addiction" ist bei City Centre Offices erschienen. Sound-Snippets findet Ihr hier und die Site unter www.dictaphone-music.de.

Dieser Artikel erschien im Yotzine #26. Zu finden unter: www.yotzine.de.

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