DE:BUG - Wider die Langeweile

Rubrik » Interview Portrait

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Es sollte ein schwieriger Wochenbeginn für Sascha Kösch aka Bleed von der DE:BUG-Redaktion werden: Ich gab mich für einen Interviewer aus und beschimpfte ihn unter Anderem als Frauenhasser und Handlanger von Konzernen. Bleed konnte sich jedoch meist gekonnt herauswinden. Ach so, über Netaudio, Podcasting und das neue Format haben wir auch noch gesprochen.
Text: Tadeusz Szewczyk

DE:BUG? Was ist das?

Etwas sollte man über mich wissen, um dieses Interview zu verstehen. Mein Verhältnis zur DE:BUG, Zeitschrift für "elektronische Lebensaspekte" läßt sich kurz mit "Heimat" beschreiben. Das erste Mal als ich die "awesome Zeitung" in einer Provinzstadt mit einer halben Million Einwohner sah, konnte ich sie noch überhaupt nicht einordnen. Unklar ob es daran lag, daß ich in dieser Stadt nichts und keinen kannte und außer meinem New Economy-Job auch nichts zu tun hatte, aber die Frage blieb in meinem Unterbewußtsein eingebrannt: Was ist das?

Der deutsche Käfer?

In der Tat was war das, es sah aus wie eine Zeitung, war aber dafür viel zu bunt. Ein Wappen schüchterte ein wenig ein und der Name erst recht. Was sollte der denn bedeuten? Ging es da um Programmierung, ums sogenannte "debuggen" (Fehler suchen und beheben)? Oder ging es da um einen deutschen Fehler oder gar Käfer, wenn die erste Silbe quasi getrennt betrachtet würde?

Ich wunderte mich noch einige Male von Weitem angesichts des Anblicks und der fremdartigen Titel und Namen auf den Titelseiten. Wir würden aber diesen Artikel hier nicht lesen, wenn ich nicht irgendwann mal doch beschlossen hätte diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Wer bin ich?

Da fand ich mich also wieder, es ging um "elektronische Lebensaspekte" und da wurde ich hellhörig. Es geht doch um mich. Ich hatte lauter elektronische Lebensaspekte! Meine Kollegen konnten sich meinen Namen teilweise nur merken, wenn sie ihn mit einem Unix-Befehl assozierten. Ich selber träumte in HTML und meiner Provinzstadt versuchte ich über eine Online-Community näherzukommen.

OK, die beschriebenen Musik-Interpreten sind bis heute oft immer noch böhmische Dörfer für mich. Ich habe immer wieder das Gefühl hinterm Mond zu leben, wenn da die Rede von Genres ist, die mir nicht mal ein Begriff sind.

Die wenigen Artikel über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Internet und anderen Medien haben mir aber auch meist genügt. Der Mythos von den die Zeitung selbst zu den Plattenläden bringenden Redaktionsmitgliedern, die einen eigenen Verlag im Kollektiv betreiben, nährte zudem meinen Traum nach einem selbstbestimmten Leben. Schließlich ging ich einer drögen wenn auch gut bezahlten Lohnsklaverei nach.

Und so kam es auch, daß als ich 2003, inzwischen wieder in Berlin, Weihnachten ganz allein verbrachte, ich am Heiligabend zur Tanke ging um mir die DE:BUG zu kaufen.

Warum diese ganze überlange Gefühlsduselei? Als es dieses Jahr hieß, die DE:BUG käme in einem neuen Format, schreckte auch ich auf. Da ist nun also mein Stück Sozialisation, mein medialer Widerpart, mein Teil der Identität auf einmal womöglich ganz anders?! Schlimmer noch, Krise des Zeitungsmarktes im Hinterkopf, auch die DE:BUG muß sparen, wird sie am Ende auch zu einem weiteren Reklame-Vehikel für kommerziellen Lifestyle verkommen?

Alles bleibt anders

Ich war also kurz davor einen Vertriebenen-Verband zu gründen für heimatlose DE:BUGger als ich das neue Heft erwarb. Überraschenderweise war es trotzdem noch ganz anders als alle anderen Magazine und Zeitschriften und obwohl ich danach trachtete einen Hinweis auf Dekadenz oder ähnliches zu finden, war es gar nicht eindeutig. Schon gar nicht war es eindeutig schlechter.

Trotzdem, ich wollte Klartext haben. Wo ist etwa die Netaudio-Rubrik hin, die schon vor dem neuen Format verschwand? Wird die DE:BUG zum Männermagazin nachdem fast alle Frauen aus dem Kernteam ausgeschieden sind? Und vor allem für mich unter Globalisierungsphobie leidenden Paranoiker: Welchen Einfluß haben die im neuen Heft präsenten Werbepartner womöglich?

Immer mit der Ruhe

Unter erschwerten Bedingungen, ich war immerhin 20 Minuten zu spät und löschte zu Allem Überfluß sogar die erste Version vom Interview versehentlich beim Batterie-Wechsel, blieb Sascha Kösch gelassen. Da ich sonst jedes Interview möglichst auch zweimal aufnehme, einmal seriös und einmal entspannter, und eben wegen der Löschung, mußte sich Bleed trotz Widerwillen gegen doppelt gestellte Fragen fügen. Auch der Umstand, daß die veranschlagte Zeit um 100 Prozent überschritten wurde, konnte ihn nicht wirklich aus der Ruhe bringen. Es gibt diesmal also nur ein entspanntes Interview.

Wir haben sehr lange gesprochen, um den Text kurz zu halten, werde ich die Fragen auswählen und kürzen sowie meine eigenen Sprechanteile teils nur paraphrasieren. Sollte der Wunsch bestehen, kann ich das ganze Interview von ca. 45 Minuten als Audio-Datei ins Netz stellen. Die Zwischentitel sind nachträglich zur besseren Übersicht eingeführt.

Wende oder was?

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Tadeusz Szewczyk/ phlow.net: Neues Layout, neues Format. Steht das neue Heft, mit der an die Wendezeit der DDR erinnernden Nummer 89 hier auch für eine Wendezeit oder eine Fortentwicklung?

Sascha Kösch / DE:BUG: Fortentwicklung! Das hatten wir schon. Zwei Mal auf die die gleiche Frage kann ich total schlecht antworten. (...) Es ist ein neues Layout, ein entschieden neues Layout. Sieht ganz anders aus als vorher.

TS: Ist es denn jetzt besser, ist es mehr ... kompakter, praktischer?

SK: Besser find ichs.

TS: Warum?

SK: Weil ich das alte nicht mehr sehen konnte. Langweilig auf die Dauer. Kompakter? Gute Frage...

Schau mir aufs Cover Kleines

TS: Auf jeden Fall gibt es auf dem Cover mehr Platz für die Augen zum ausruhen...

SK: Das Cover ist scheiße. (...) Wir finden das Cover alle scheiße.

[Wir lachen beide.]

TS: Einbisschen Zweifel habe ich auch, aber wenn das der neue Stil ist?

SK: [unterbricht] Nee, das ist nicht der neue Stil. Wir wollten nicht so ein Cover machen. Es blieb uns irgendwann nichts anderes übrig.

TS: Das heißt ihr habt kurz vor Redaktionsschluss...

SK: Wir haben uns gedacht das Cover machen wir ganz zum Schluß, das war ein Fehler. Das Cover hätten wir vorher machen sollen.

TS: Da sind mir noch ein paar kleinere Fehler aufgefallen. Die Seitenzahlen stimmen nicht, kann das sein?

SK: Die Seitenzahlen stimmen ab den Reviews. Du mußt immer zwei abziehen, dann bist Du auf der richtigen Seitenzahl. Nee, zwei dazuzählen. (...) Wir haben angefangen zu zählen mit der ersten Papierseite, ... letztendlich ging es paar Mal hin und her...

(...)

de-motz.de

TS: Das Format ist besser...

SK: Es ist umstritten...

TS: In der Redaktion auch oder nach außen hin?

SK: Außen, besonders im Netz. Aber unsere Website ist eh sehr motzig. Die ist aber bei allen Sachen sehr motzig.

TS: Ist es im Internet nicht grundsätzlich so..., daß das was schlecht ist viel eher zum Tragen kommt?

SK: Wenn du wie wir so ein Forum im Netz hast, wo du, unangemeldet, einigermaßen anonym, posten kannst was du willst... es gibt Leute, die stacheln die Diskussionen an... damit was passiert...

TS: Trolls... Ein Phänomen das in der Realität seltener auftritt...

SK: Nicht so oft. Es ist ein unmoderiertes Forum. In den 7 Jahren wo es uns [DE:BUG] jetzt gibt, haben wir vielleicht, naja, gelöscht haben wir noch keinen... vielleicht so 10 Comments haben wir offline gestellt.

TS: Das ist doch Free Speech, fast ein Kompliment für Euch selbst. ... Ist das Feedback im realen Leben auch zwiespältig?

SK: Es ist eher anders rum. Also die Reaktionen von Leuten die einem so mit "Hallo" entgegenkommen...

(...)

SK: Abgesehen von den Meldungen im Netz... wurde es relativ gut angenommen.

TS: Das kann ja auch daran gelegen haben, daß es schon vorab im Netz...

SK: ... das wir es vorher online gestellt haben, bevor das Heft anzusehen war?

TS: Ja, genau, die Leute haben erstmal einen Schreck gekriegt... mag auch daran gelegen haben...

SK: Ich mein das blödeste ist, wenn Leute die Zeitung so im Abo haben und sie so angefleddert ankommt... aber ansonsten....

TS: Wenn sie gefaltet wurde?

SK: Die meisten Briefträger stecken das so in der Mitte gefaltet in den Briefkasten und reißen dabei das Cover an [Bleed demonstriert das].

SK: Wir hatten das vorher in so einem Plastik-Umschlägen ausgeschickt an die Abonennten... Mit dem Cover hatten wir uns gedacht es würde ohne funktionieren, scheint aber nicht so...

Was ändert sich inhaltlich?

TS: Gibt es inhaltlich auch eine Fortenticklung, eine Änderung, vielleicht eine Reduktion oder ist es jetzt genau gleich wie vorher?

SK: Es gibt wenig Änderungen, inhaltlich.

TS: Wenn ja, dann welche?

SK: Hhhhm, [denkt nach]... welche Änderung gibts...? Gute Frage. Kann ich noch gar nicht richtig abschätzen.

TS: Das heißt ihr habt nicht zusammengessessen und gesagt "das und das und das muß anders werden"?

SK: Nee, es gibt nicht die Vorgabe, wir ändern jetzt inhaltlich das Heft oder so. [Es ist] eigentlich ein Layout-Ding.

TS: Gibt es vielleicht von der Themengewichtung eine Änderung? Ich hatte den Eindruck, das ein bisschen weniger Musik ist und ein wenig mehr gesamtgesellschaftliche Themen?

SK: Das liegt am Jahresrückblick. Ganz bestimmt. Eigentlich ist es nicht weniger Musik. (...) Nee, die Aufteilung ist ziemlich gleich.

Wooo ist mein Netaudiooo!?

TS: Stichwort Netaudio. Es ist ja schon bereits vor ein Paar Ausgaben verschwunden. Wird es denn wieder Netaudio geben?

SK: Ich denk schon.

TS: Du hattest im Vorfeld erwähnt, daß es Zufall war... Kümmert sich jetzt jemand drum?

SK: Es kümmert sich nach wie vor jemand drum. Ich persönlich hab mich ja mehr um das Pod-Ding gekümmert [Anm.: Das de.bug-eigene Podcas-Weblog]. Was auch ganz gut funktioniert.

TS: ... Ist es jetzt eher Dein privates Ding... oder wird Netaudio jetzt ausgebaut?

SK: Fangen wir von vorne an, wir hatten im Heft immer sone Spalte mit Netaudio-Reviews, 6, 7, 8, vielleicht, höchstens. Das ist ja auch nicht viel muß man sagen. Es kommt so wahnsinig viel raus.

TS: Am Anfang war es ja so, daß es wirklich nicht soviel war...

SK: Am Anfang, ja... Wir hatten auch stellenweise im Netz wesentlich mehr Netaudio-Reviews. Ich find sie im Netz auch praktischer.

(...)

SK: Du klickst drauf und hast es auf dem Rechner. Im Heft... mußt Du dir die URL merken, ich weiß nicht wieviele Leute das tun. (...) Ich finds online sinnvoller. Wir haben ja nicht viel Platz im Heft.

Was für ein Pod-Ding?

TS: Diese Podcast-Technik ist ja ganz neu...

SK: [unterbricht] ...seit einem Jahr gibts die...

TS: OK, ... wie verbreitet ist die denn jetzt...? (...) Habt ihr Statistiken? Der neue Hype?

SK: [überlegt] Statistiken... Das ist so einbisschen ein Zwitter. Das ist ein Blog, Du kannst hingehen es angucken und runterladen... oder du kannst den Feed abbonnieren.

TS: Also Netaudio ist kein Stiefkind...

SK: Wir machen ja auch unsere Mailingliste,... die läuft auch gut und die wird auch immer größer. (...)

Drum gibts auch Bass

TS: Drum and Bass ist auch weggefallen... Ist Drum and Bass tot?

SK: Drum and Bass ist überhaupt nicht tot. Drum and Bass läuft.

TS: Das war auch Zufall?

SK: Ja, irgendwie schon. Wir hatten sogar Drum and Bass-Reviews [überlegt]. Ist aber schon ein paar mal passiert, muß ich zugeben.

Sparen: Fahrrad statt Mercedes?

TS: Stichwort sparen. Personelle Veränderungen gabs ja auch, es sind ein paar Frauen weniger jetzt... Mercedes Bunz ist...

SK: ...es sind auch ein Paar Typen weniger...

TS: ...nach wie vor da, aber als Herausgeberin nur... Ihr seid ja trotzdem mehr Männer jetzt?

SK: Ja, ja. Das auf jeden Fall.

TS: Habt ihr trotzdem noch den [gleichen] Anspruch, oder wollt ihr gar so etwas wie eine Quote einführen für Frauen?

SK: Man würde es gern, aber... das funktioniert nicht.

Wo sind sie geblieben?

TS: ...Ihr lauft ja Gefahr, [dadurch] daß weniger Frauen da sind... Schreibt ihr am Ende nur noch für Technik-Freaks oder über neue Sportwagen?

SK: Ne Frau schreibt für eine Frau ist mindestens ebenso ein Sexismus wie... ...nicht mehr soviele Frauen in der Redaktion zu haben. Frauen schreiben für jeden. Typen schreiben für jeden.

SK: Was man nicht vergessen darf, daß Musikmagazine, das weiß vielleicht nicht jeder... ...wenn man das als Musikmagazin sehen will (...) werden einfach viel mehr von Typen gelesen und zwar extrem mehr. Also du hast es irgendwie so bei normalen Musimagazinen, ob das Intro, oder Spex, oder Groove oder Raveline oder wasauchimmer ist. Du hast immer viel mehr Männer die das lesen. Blöderweise. Du kommst da auch nicht drum rum. Du kannst dich auf den Kopf stellen.

TS: Das überrascht mich, warum ist das so?

SK: Ich weiß auch nicht woran das liegt, das ist so.

TS: Ist es selbst bei Intro so?

SK: Das ist bei jedem Musikmagazin so.

TS: Sonst hätte ich gedacht, das ist DE:BUG, Elektronik, Technik, die Ecke...

SK: Ne, vergiß es. Egal welches Musikmagazin, du hast immer mehr Typen als Frauen. [Pause] Entschieden mehr. 80:20.

TS: 80:20? das ist natürlich ganz extrem, da würde ich fast eine Studie in Auftrag geben, woran das liegt.

(...)

SK: Die einzigen bei denen es richtig ausgeglichen ist sind Stadtmagazine.

TS: Also sowas wie Zitty?

SK: Umhhh.

TS: OK, die Frauen-Frage...

SK: [wirft ein] Es hat aber gar nichts damit zu tun das wir zu wenig Frauen in der Redaktion haben, das ist eine andere Frage. Das stimmt und das ist blöd und das muß man auf die Dauer irgendwie ändern.

Inhalt oder halt nicht in.

TS: Nochmal zum Inhaltlichen. Sowohl von den redaktionellen Inhalten als auch von den Werbeinhalten. (...) Die DE:BUG hat ja schon immer ein Themengebiet das eher unpolitisch ist, die Musik, das zuletzt bei der Spex und den Poplinken politisch war, nebenbei [als solches] weitergeführt. Das Politische immer mal wieder eingefügt. Das war mein Eindruck. In diesem Heft war das wieder für mich ganz deutlich. Vielleicht liegt es ja am Jahresrückblick. Andererseits habe ich dann die Werbepartner gesehen, die teilweise auch neu dazugekommen sind, also Nike, Coca Cola und Philipp Morris. Vorher hatte ich eigentlich immer nur Carharrt gesehen und irgendwelche Label. Hat sich da was geändert, seid ihr jetzt weniger politisch? Weil, ... ich will mal so sagen, Nike, Coca Cola und Philipp Morris sind nicht gerade die politisch am korrektesten zu bezeichnenden Werbepartner?

SK: Du, Coca Cola gabs schon öfter. Nike ist glaube ich tatsächlich neu... [sucht die Nike-Anzeige]

TS: Diese Beilage...

SK: Ah, OK, ja klar, genau... für den Designmai... Designmai-Sponsoring von Nike glaub ich.

TS: Gibts da irgendwie Gedanken dazu? Überlegt man sich mit welchen Werbepartnern man zusammenwirkt, ob die dann zu den eigenen Inhalten auch noch passen? Ich hab jetzt auch einen Artikel in Erinnerung, da gehts um Nike und Kunst und... ich glaube an anderer Stelle wird Nike sogar kritisiert im Heft, weil... ich weiß nicht ob es jeder weiß, aber es gibt ja da die Probleme mit den Produktionsbedingungen irgendwo in der Dritten Welt. Aber in dem Artikel wird Nike tatsächlich als Kunst dargestellt, da hatte ich selbst vom Kunsbegriff aus schon Bedenken. Ist das eine Art Advertorial weil man Nike als Werbepartner hat oder ist es nur meine Paranoia?

SK: Ah, ich weiß jetzt was Du meinst [blättert], ich glaub das ist Paranoia. Soweit ich weiß. (...)

TS: Es geht da um Kunst und die Vermischung von Läden und Galerien...

SK: Das ist ein Phänomen, einfach. Das es tatsächlich gibt.

TS: Es muß ja nicht jeder so politisch sein, aber wenn man das von der Kunstwarte so arglos übernimmt, fand ich das schon unkritisch. Ah toll, jetzt haben wir auch Galereien die Schuhe verkaufen... das war mir ein bisschen zu platt... Müssen wir da ne Verflachung befürchten, oder ist es wieder nur mein persönlicher Eindruck?

SK: Ich war zum Beispiel in London... im klassichen Museum, so ein Royal Museum... und da war ne Ausstellung gesponsert (...). Es ist einfach so. Du mußt davon ausgehen, wenn die Regierungen sparen, grad an Ausgaben für Kunst, und kein Mensch will mir erzählen, daß es in irgendeiner Weise politisch korrekt wäre wenn Kunst von von der Regierung finanziert wäre, darüber hält man aber normalerweise den Mantel des Schweigens bei Kunst, weil, Ähemmmm, "irgendwoeher müssen wir ja unser Geld bekommen". Natürlich ist das politisch nicht korrekt.

Natürlich mag es auch politisch nicht korrekt sein wenn weltweite Konzerne sich der Kunst annehmen und die sponsern aber so ist es eben. Kunst wird niemals in dem Sinne sich aus sich selbst finanzieren. Gerade jetzt wo alle Regierungen, sparen, sparen, sparen, es gibt da glaube ich auch einen Artikel über Österreich, du kannst es als direkte Folge von Haider sehen... dann springt bestenfalls jemand anders ein der das finanziert.

Sich fremd finanzieren zu lassen ist immer schwierig.

Ein einsames gallisches Dorf in der Medienlandschaft

TS: Das habt ihr mit der Selbstorganisation ja geschafft, oder ist die DE:BUG inzwischen bei einem größeren Verlagshaus gelandet?

SK: Nee, wir sind noch unabhängig. Es bleibt glaube ich auch so.

TS: Es ist ja auch sozusagen eine Grundvoraussetzung um ehrlichen Journalismus zu betreiben.

SK: Du, ja und nein.

TS: Nein, warum?

SK: Guck dir doch den Zeitungsmarkt mal an, entweder du sagst es gibt gar keinen ehrlichen Journalismus mehr in Deutschland... [hält inne]

TS: ...Na der geht zumindest zurück, ich habe nicht die genauen Besitzverältnisse aller Zeitungen vor Augen, außer die Frankfurter Rundschau die zum Beispiel von der SPD besessen wird...

SK: Du, es gibt nahezu keine, Zeitung sowieso, es gibt noch ein Paar Regionalzeitungen, die sind unabängig, so richtig regional, also in Berlin gibts keine, TAZ vielleicht, die so einigermaßen unabhängig ist... aber ansonsten, der Zeitungsmarkt ist ein großes Business, wo viele Leute gerne fusionieren und aufkaufen, sich Sachen wegschnappen...

SK: Fernsehen ist noch krasser.

Der Luxus der freien Meinung

TS: Zurück zu DE:BUG. Könnt ihr euch trotz Sparen Unabhängigkeit noch leisten? Kritisch zu sein. Denn ich hatte in dem Heft teilweise den Eindruck, an der einen Stelle seid ihr unkritisch, bei dem Nike-Artikel, dafür wird dann in der Diedrich Diedrichsen-Polemik gegen Deutsch-Pop umso doller draufgehauen. So als ob das als Ausgleich stattfände, sozusagen, die die uns nicht füttern können wir jetzt hauen und die anderen...

SK: Nee. Ehrlich gesagt nein. Ich glaube wir machen uns wenig Gedanken darüber, "wie kommt dieser Artikel bei möglichen Werbekunden an". Verhältnismäßig. Nee, glaube ich nicht. (...) Du unterschätzt aber auch Werbung.

TS: Inwiefern?

SK: [räuspert sich] Werbung ist längst nicht mehr so, daß die... darauf bauen... die schalten in der Zeitung wegen dem Gesamtimage der Zeitung. Die schalten in ner Zeitung nicht weil da jetzt ein positiver Artikel... das gibts natürlich auch, aber das ist nicht der Hauptgrund, viele können auch ohne leben. Manche leben auch mit, aber ist nicht so... Werbung ist schon komplexer unterwegs als "Druck mir jetzt den postiven Artikel und du kriegst dann die Anzeige".

TS: Du meinst also, daß wenn ihr als cool genug geltet, dann könnt ihr sozusagen einerseits den Sponsor böse schelten, auf der anderen Seite macht ihm das aber nichts aus weil eure Coolness auf ihn abstrahlt?

SK: Es geht ja nich darum, einen Sponsor... wir haben ja gar keinen Sponsor, wir haben Anzeigenkunden... Es geht nicht darum Sponsoren oder Anzeigenkunden oder wie auch immer "böse zu schelten". Es geht darum, daß wenn man einen Artikel schreibt, den auch, das was man sagt vertreten kann, darum gehts.

TS: Hmmm, vertreten könnte man sehr viel, ich könnte auch Nike vertreten, weil die ja die tollsten Designer haben, das ist schon durchaus so, daß die Schuhe gut aussehen...

SK: [freut sich] Du hast ja schon mal Nike-Schuhe gekauft!

(...)

Das Votum der Massen: Apple

SK: Was finden denn zum Beispiel unsere Leser... diese Umfrage haben wir ja gemacht... [blättert]

TS: Da ist ja Apple ganz vorne...

SK: Oh ja. Krass.

TS: Warum habt ihr nicht Apple als Werbepartner? Das läge doch am nächsten?

SK: Frage ich mich auch.

TS: Apple hat ja auch keine Sweatshops soweit ich weiß, zumindest weiß ich nichts davon.

SK. Apple produziert in China und Taiwan.

TS: Tatsächlich?

SK: Na, klar. Jeder produziert da heutzutage. Es gibt ganz wenig Leute die sagen "wir produzieren nicht in den Ländern wo die Kosten am niedrigsten sind". (...)

TS: Wo druckt ihr denn zum Beispiel, druckt ihr hier oder in Tschechien oder Polen?

SK: Potsdam.

(...)

SK: Es würde sich für uns sicher mehr rentieren in Tschechien zu drucken...

(...)

And on and on and on to the break...

Danach philosophierten wir noch ein wenig über Druckkosten, Billiglohnländer und Sweatshops wobei Bleed ziemlich schnell und deutlich auf das Gewissen hinwies und auf einen Beitrag über Freisteller [Anm.: Begriff aus der Grafikbearbeitung] -Sweatshops in Asien. In Postdam drucken sie gerne weil sie hingehen können und sehen wie es aussieht. Es soll auch "bestimmt" irgendwann mal einen Relaunch der Website geben. Viel mehr Substantielles gab es aber nicht.

Was leider im ersten, versehentlich gelöschten Durchlauf mehr vorkam, war die interne personelle Veränderung. Wie oben erwähnt, die DE:BUG ist geschrumpft, hatte aber "zuviel Geld ausgegeben". Die Auflage ist dennoch stabil und ganz akute Nöte waren es wohl nicht. Eher waren die jetzt ehemaligen Redaktions-Mitglieder zuletzt nur noch teilweise persönlich anwesend und Mercedes Bunz konzentriere sich wohl auf andere Projekte. Natürlich war das aber eher ein unangenehmes Thema und ich bohrte nicht allzulange in "frischen Wunden". Bleed war jedenfalls nicht unbedingt glücklich mit der Schrumpfung der Redaktion. Er sah aber ebenfalls organisatorische Vorteile.

Mir bleibt nur, mich für den Tee zu bedanken und auch für die 7 Jahre DE:BUG, sowie unabhängigen Musik- und Medienjournalismus. Hoffentlich bleibt alles anders und schaut auch auf den DE:BUG Podcast-Weblog.

Wer das Interview als Audio-Datei haben will kann es laut ausrufen, wird sich aber Gedulden müssen, denn auch ich muß mal für Geld arbeiten.

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Kommentare

Cooles Interview! Wie sieht's denn nu' mit der Audio-Datei so aus?

meint: superuser am 09.02.05

für alle neugierigen unter euch, die wissen wollen, was mercedes bunz so denkt und treibt, die können ihr frisch gegründetes weblog unter http://existenziellesbesserwissen.twoday.net/ besuchen.

viel spass, mo.

meint: mo. am 10.02.05

ich hab die de-bug abbestellt. jetzt flattern noch die restlichen ausgaben ins haus aber sonst seh ich da keinen sinn mehr drin. unsere sparte wird seit vielen ausgaben wirklich gar nicht mehr erwähnt, als ob's uns gar nicht gäbe, als netaudio.

find ich ne frechheit.

meint: Martin Donath am 10.02.05

sehr gutes interview find ich
das mit dem netaudio ein wenig vernachlässigen is auch ok ... da wird sich schon noch ein anderer weg finden ...

das mit mercedes hab ich nicht kapiert ..

und das neue format is klasse weil man die debug jetzt endlich auf dem klo lesen kann ..

meint: firnwald am 11.02.05

Ich finde das neue Format noch immer sehr ätzend und unpraktisch. Auf dem Klo mag man De:Bug jetzt ja lesen können (mal ehrlich: lest ihr wirklich auf dem Klo?), aber sehr unpraktisch ist der 1. Knick vom Briefträger um das Teil in den Briefkasten zu kriegen (s.a. Interview) und dann der 2. Knick, um das Ding halbwegs vernünftig in die Tasche zu bekommen für unterwegs. Grr.. Blöd.

meint: 020200 am 11.02.05

grossartig! ein diskurs auf phlow zu
meinem thema der woche
DEBUG quo vadis

ich war schon dabei das abo zu kündigen,
aber nach dem mega.sympathischen interview
geb ich den jungs nochmal
aufschub für ihr maennermagazin, das interview
hat die ganzen frage-und ausrufezeichen in meinem
kopf sauber kommentiert, danke ..

meint: stephan am 13.02.05

cooles interview.

noch eins zum punkt werbung by apple: warum sollten die da werbung schalten? werden doch auch ohne genug gefeatured/gehyped...

netaudio wird wirklich vermisst, aber ist auch meiner ansicht nach im web einfach sinnvoller aufgehoben.

meint: xy am 13.02.05

von den elektronischen lebensaspekten her find ich die neue ausgabe ausgesprochen furchtbar, vor allem diese unmotivierte polemik von diederichsen oder auch vom hoffnungslos ahnungslosen jay haze ist absolut widerlich.
ich hab das gefühl, es dauert nicht mehr lang, bis jochen diestelmeyer ne de:bug kolumne bekommt...

meint: /re am 15.02.05

Also "furchtbar","hoffnungslos" und "absolut widerlich" klingt für mich eher nach motz.net.

meint: Tadeusz Szewczyk am 15.02.05

Die Deutschen mal wieder Weltmeister in Sachen Pessimismus und Motzen... :-) Ich finde es geil dass es debug gibt und freue mich auf die Zukunft!

Zum Thema Veränderungen mein Lieblingszitat:
"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll." - Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

meint: Simon V am 19.02.05

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