Bugge Wesseltoft, Herbert Matthew und die Jazz-Spaghetti-Fontäne

Rubrik » Interview Portrait

bugge herbertGestern Abend traten in der Kölner Philharmonie zwei Ausnahmekünstler im Rahmen der Musik Trienale aufeinander. Während der Norweger Bugge Wesseltoft vom Jazz zur Elektronik gefunden hat, ist es bei Matthew Herbert genau umgekehrt. Während letzterer zur Prime Time samt Bigband die Bühne bestieg, kam zuerst Bugge mit seiner Band. Alsoo ein spannender Abend bei dem Jazz mit Elektronik Händchen halten sollten.

Neue Konzepte zwischen Elektronik und Jazz

Bugge Wesseltoft gilt seit seiner Veröffentlichung von "New Conception Of Jazz" (1996), neben Ikonen wie Jan Garbarek, Nils Petter Molvaer oder Sidsel Endresen, als einer der maßgeblichen Kreativkräfte und als Aushängeschild im norwegischen Jazz.

Während mich sein aktuelles Album "Film ing" nicht wirklich vom Sessel gehauen hat, staunte ich nicht schlecht, als Bugge samt Band auf der Bühne bugge_wesseltoft1.jpgstand und loslegte. Die Band formte sich aus Kontrabass, Schlagzeug, DJ, Percussionist und Bugge selbst an den Tasten. Sehr smart und sympathisch war das Understatement der Skandinavier. Legère in T-Shirt und Jeans gekleidet, mit oder ohne Wuschelhaare wurden da die Instrumente in die Hand genommen. Auch der Komponist selbst kam in Jeans und Ikea-farben-gestreiften Hemd auf die Bühne und krempelte alsbald die Arme hoch.

Denn der kleine Maschinenpark wollte mit Sounds gefüttert werden. Und kurz nachdem Bugge eine kleine melancholische Einleitung an seinem Flügel gespielt hat, stand er hektisch auf, sampelte live Sounds, loopte diese, stretchte sie und was zuerst als Noise-Teppich daherkam, schälte sich langsam als Rhythmusfundament heraus. Respekt. Offenen Mundes starrend, verblüfft, wie virtuos und wirklich live man mit elektronischen Geräten Musik machen kann ohne lediglich kaputten Soundmüll zu produzieren, waren die Zuschauer schlicht begeistert.

Ein Jazzer, Delay, Sampler und seine Tasteninstrumente

Während ihres Auftrittes wieselte Bugge dann immer wieder zwischen seinen Apparaturen, Rhodes und Klavier hin und her, stets wie ein Wissenschaftler gebückt und mit schwitzender Glatze. Das Zusammenspiel funktionierte, wie auch bei einer richtigen Jazzband mit Sichtkontakt, kleinen Zeichen. Mit einem gelungenen Spannungsbogen zwischen Balladen und energetisch krachigen Jazzsongs, die fast schon derbe rockten, faszinierte das Quintett. Denn wie hier elektronische Sounds live produziert und manipuliert wurde, habe ich so noch nie gesehen. Wo viele Techno-Liveacts statisch an ihre Tracks gefesselt sind, entfesselt Bugge sie, schickte sie durch Delays, pitchte die Sounds und spielte mit seinen Geräten anstelle sie nur statisch zu bedienen. Konnte Matthew Herbert das noch toppen?

Der Jazz-Clown betritt die Bühne

Wo Meister Bugge ernsthaft mit Elan, Spaß und im Schweisse glänzte, da spazierte der schlaksige Brite wie ein Spaßmacher auf die Bühne. Mit Teetasse herbert_philharmonie.jpgin der Hand betrat er alleine die Bühne in länglichem Frack. Während sein Anzug leicht billig und wie von der Stange wirkte, schrieen seine Schühchen: "I am a british eccentric!"

Mikro ausgerichtet, zweimal mit der Tasse und Untertasse aneinandergeschlagen, abgesampelt, mit dem Equalizer live bearbeitet und schon klimperte der Produzent auf seinem Keyboard herum. Fluggs entwarf er einen tickenden Rhythmus aus dem Porzellan-Sound und spielte eine Einleitungsmusik. Das ging so schnell, umwerfend beeindruckend, dass man erst gar nicht die Bigband beim Einmarsch erblickte. Das Publikum schmunzelte, lachte und grölte.

Bodily Functions versus Matthew Herbert Big Band

So eine Bigband mit ihrem Bataillon aus Bläsern fönt einem schon ordentlich die Haare. Selbst wenn man 10 Meter entfernt sitzt. Während der Dirigent und herbert_philharmonie2.jpgHerberts Arrangeur die Band dirigierte, fummelte der Künstler, mit schlaksigen Bewegungen an seinen Geräten, verließ mal sein kleines Ministudio, stellte sich vor die Band, bewegte sich in komischen Verrenkungen und ließ seinen Gliedern den Lauf.

Abwechslung, vor allem Entertainment pur war Programm. Während Jazz-Gourmet Volker Leprich später konstatierte: "Man, was für schlechte und dünne Arrangements", waren die für philharmonische Verhätlnisse hohe junge Zuschauerzahl begeistert. Nicht nur Dani Siciliano in ihrem funky-türkis-samtigen Leggins-Höschen mit Glitter-Borte sorgte für Aufregung.

Denn neben ihren Gesangskünsten durften auch die Bigband-Spieler jede Menge Klamauk mitmachen. So wurden in einem Song konstant Zeitungen herbert_philharmonie3.jpgzerrissen und in Schnipsel auf die Bühne geworfen, während auf der Leinwand die politischen Statements von Herbert mit einem Videoclip unterstrichen. In einem anderen Song kam dann eine Schreibmaschine und später auch gerne mal quietschende Ballons zum Einsatz.

Insgesamt ein unglaubliches Spektakel, korrekter nicht anstrengender Jazz-Bigband-Sound, zufriedene und lachende Musiker und ein frenetisch jubelndes Publikum. Also ein sehr feiner Abend. Beim nächsten Herbert-Konzert bin ich wieder dabei, ob er als Dr. Rockit oder sonst was auftritt... (mo.)

Alben

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Kommentare

habe bugge am 8.5. im palais, berlin gesehen und war restlos begeistrert. ich hatte meine vorbehalte, nachdem das letzte album ein wenig an experimentierfreudigkeit verloren hatte und ich einige wochen zuvor ein sagenhaftes konzert von zero7 an gleicher stelle erleben durfte. doch die ausnahmslos vom neuen album stammenden songs entwickelten live eine ungeheuere energie, die nicht zu letzt durch bugges hyperaktive musizierweise hervorgerufen wurde. wärend er damals mit sidsel endresen noch sehr verträumt wirkte, war er bei diesem konzert völlig in seinem element.
und das auch noch fast 2 1/2 stunden lang.
ein super konzert und in meiner 2004 hitlist gleich auf platz 2 (nach zero7)!

meint: bise am 10.05.04

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