Das neue Buch von Armin Medosch, Mitbegründer und Redakteur von Telepolis, richtet den teilweise etwas "geekigen" Fokus auf eine weltweit sich ausbreitende neue Form von Netzkultur: nämlich Funknetzwerke, die auf der WLAN-Technik basieren. Dabei betrachtet der Autor vor allem dezentral organisierte Gemeinschaften sowie private Initiativen, die sich gegenseitig beraten, helfen und digital verweben oft ohne staatliche Hilfe und abseits jeglicher Konzerne. Wir stellen das Buch vor und sprach mit dem Netz-Experten."Freie Netze – Geschichte, Politik und Kultur offener WLAN-Netze" vereint sowohl einen kleinen Exkurs und Einblick in die (fast) kabellose Technik, das Entstehen menschlicher als auch funkbetriebener Netzwerke und die politische Brisanz und Selbstorganisation eben dieser. Glücklicherweise sind die Themen modular angeordnet und können so unabhängig voneinander rezipiert werden. Wen also die technischen Details wenig kümmern, stürzt sich direkt in das aktivistische Treiben und die bisherige Entstehungsgeschichte oder studiert "Die Politik freier Netze". Vor allem begeistert Medosch den Leser für die Mischung aus Pionierarbeit, Technik, Kultur und Politik, da er stets versucht die Szene auch von außen zu beleuchten. Selbst absorbiert von den Netzwerken, da Teil von ihnen, versucht er immer wieder Abstand zu bekommen.
Armin Medosch: Studium Germanistik, Philosophie und Theaterregie; ab 1985 freischaffender Autor und Künstler; 1996 Mitbegründer und Redakteur des Online Magazins Telepolis, bis Mitte 2002, seit 1997 Wohnsitz London, freischaffender Autor, Kurator Neue Medien und Künstler; Online Projekt "Kingdom Of Piracy"; Buchbeitrag "Demonstrieren in der virtuellen Republik", Bundeszentrale für politische Bildung; Herausgeber "Netzpiraten", gemeinsam mit Janko RöttgersAber wir hatten da noch ein paar Fragen...
Wie verdienen eigentlich Betreiber wie Julian Priest und James Stevens ihr Geld? Wie haben sie die eigene Beteiligung am Aufbau der Netwerke finanziert? Wie verdienen sie ihr Geld?
WLAN ist (Radio-)Technik. Entsteht durch die Verwendung der Technik auch mehr als 'nur' ein kabelloses Netz in der Nachbarschaft?
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann beinhalten Freie Netze eine Mentalität im Sinne von 'Rückeroberung des bürgerlichen Raumes'. Freie Netze ermöglichen freies Denken. Warum und wie?
Heutzutage scheinen die Menschen 'politikverdrossen' und auf sich selbst fixiert. Oft herrscht eine Mentalität gegenüber dem Staat, als ob dieser dem einzelnen Individuum etwas schuldet. Selbstverantwortlichkeit und Engagement trifft man häufig eher in Form von Beteiligung oder Spenden an und für Projekte mit speziellen Zielen (Greenpeace, UNICEF, Vereine). Sind freie Netze Deiner Meinung nach eine gute Möglichkeit den Bürger hin zu einer neuen Selbstverantwortlichkeit und aktiven Beteiligung an der Gesellschaft zu führen? Wenn ja/nein... Warum?
Damit das jetzt nicht zu theoretisch verblasen klingt, gleich noch ein Beispiel: Vor mehr als zwei Monaten habe ich endlich meinen BT ADSL-Anschluss gekündigt, die letzte Rechnung gezahlt und dachte, das wäre erledigt. Trotzdem bekomme ich weiterhin Rechnungen gestellt. Verbrachte gestern eine Stunde in den Schaltkreisen des BT-Customer-Helpdesks und bin mir des Erfolges trotzdem nicht sicher. Wenn mit dem drahtlosen Netz was nicht stimmt, dann gehe ich rüber zu Adam von free2air.org und wir trinken eine Tasse Tee und er erzählt mir, was sonst gerade noch so anliegt.
Wenn der Staat und die Industrie merkt, dass in Form der Freien Netze wirklich eine neue sich selbst organisierende Bewegung entsteht, besteht dann nicht die Gefahr erneuter Regulierung, vielleicht sogar ein eventuelles Verbot für weiteres Nutzen der Technik? (Ein Beispiel: Sollten freie Netze entstehen, steht dem individuellen Tausch via File-Sharing nichts mehr im Wege, da dieser direkt zwischen den Teilnehmern entsteht und nicht durch Provider 'mitgeloggt' werden kann. Das könnte für die (Musik- und Film-)Industrie ein weiterer noch viel größerer Profitverlust werden.)
Danke Armin für das interessante Interview!
Interview & Text: Moritz Sauer
Armin Medosch
"Freie Netze – Geschichte, Politik und Kultur offener WLAN-Netze"
Telepolis/ Heise Verlag
€ 16,00
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