Mit Zahlenarmeen pseudo-überzeugend jonglierende Journalisten, das ist der Albtraum jedes Wirtschaftsteil-Überblätterers. Dass abseits von den neuesten Empfehlungen für südostasiatische Optionsscheine Zahlen auch unterhaltsam und interessant dar gebracht werden können, versucht „Zahlen bitte!“ von Christoph Koch zu beweisen.Text: Stefan Kesselhut
Seit Anfang 2002 schreibt der jetzt.de-Redakteur die gleichnamige Kolumne für die Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegel. In seinem Buch präsentiert Koch nun auf 255 Seiten sein gesammeltes Zahlen-Oeuvre, hübsch alphabetisch sortiert. Wir leben außerdem im Zeitalter der allgegenwärtigen Visualisierung und deshalb hat Dirk Schmidt großartige Illustrationen zwischen die unzähligen Nullen und Nachkommastellen gestreut.
Dieses Buch ergibt natürlich Sinn. Zuvorderst für den Autor, klar, ist so ein Sammelband doch eine prima Gelegenheit, um die ganzen Kolumnen zweitzuverwerten. Aber auch für alle, die sich nicht nur wegen einer kleinen Ecke auf Seite 3 den Tagesspiegel kaufen wollen.
„Zahlen bitte!“ funkelt den Leser in einer nicht nur handlichen, sondern auch stilsicheren Aufmachung an, die beinahe possierlich genannt werden möchte. Das ist rucksacktauglich, das ist klo-kompatibel und das kann man auch mal den Eltern zeigen. Und mit dem angelesenen Wissen glänzen. Sei es auch noch so (scheinbar) frei von jedem Nutzen. Zu Stichworten wie Lakritze, Donald Rumsfeld oder Hannover hat der Autor beängstigend große und lachhaft kleine Zahlen zusammengeklaubt. Da ergeben sich mitunter lockerleicht ins Schwarze treffende Portraits, die jede große Reportage überflüssig erscheinen lassen. Sagen Zahlen also mehr als tausend Worte? Manchmal durchaus, wenn wir beispielsweise erfahren, dass Deutschland ohne Zuwanderung im Jahr 2100 nur noch 24 Millionen Einwohner hätte. Nimm das, Edmund!
Wenn man so ein Buch im „Wussten Sie, dass...“-Stil veröffentlicht, begibt man sich automatisch in die Gefahr mit dem ungezählten Schund, der sein trauriges Dasein in den Grabbeltischen der Buchhändlerketten fristet, über einen großen Kamm geschert zu werden. Damit täte man „Zahlen bitte!“ jedoch unrecht. Geschickt durch die Hintertür fädelt Koch Stil, Dramaturgie und Witz in die Zahlenkolonnen ein. Dass ist nicht Bachmann-Preis-Niveau, dafür wird's auch keinen Kisch-Preis geben. Aber das ist doch genau die Komplexität die man sich wünscht, will man einen kurzen Zeitabschnitt überbrücken, der sonst dem Müßiggang anheim fiele.
Hardcover
Heyne 2006
256 S.
12 Euro
ISBN: 3-453-12058-2
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meint: Stefan am 29.06.06obwohl nun wirklich mittlerweile eine ganze menge zeit vergangen ist und er schon längst bei völlig anderen medien schreibt wird christoph koch (genauso wie linus volkmann) für mich wohl bis auf ewig assoziativ mit dem komm küssen* verbunden bleiben - da helfen auch keine bücher :-) aber schön zu wissen, dass es obiges gibt. habe es gleich mal auf meinen wunschzettel gesetzt und wenn ich das nächste mal bei jeff bezos einkaufe, dann wird das gleich mitbestellt!
http://www.muenster.de/~brande/Fun/kuessen.html
meint: Stefan Kesselhut am 07.07.06Update:
Christoph Koch ist nicht mehr Redakteur bei jetzt.de
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