William Gibson - Mustererkennung

Rubrik » Buchkritik

cover_mustererkennung.jpgHerbst 2004. Der Altmeister der Science Fiction, William Gibson bringt mit "Mustererkennung" nach einigen Jahren Kunstpause wieder ein Buch heraus. Eigentlich könnte man von ihm als SF-Autor wieder ein Werk erwarten, dass in der Zukunft spielt und im Idealfall ähnlich innovativ wie sein bekanntestes Stück "Neuromancer" ist. Was man von seinem neuen Buch jedoch nicht behaupten kann. Aber wer kann schon ständig das Rad neu erfinden? Auch spielt "Mustererkennung" nicht in der Zukunft sondern im Hier und Jetzt.

Text: Lars "Ghandy" Sobiraj

"Neuromancer" war phantastisch. Alleine der erste Satz des Buches hat viele Leser, wie auch mich, angefixt und sie nicht mehr von der Materie loskommen lassen. Ohne Gibsons innovativstes Werk gäbe es keine Cyberspace Sparte des Sci-Fi. Noch viel mehr. Filme wie "Der Rasenmäher Mann", "Avalon", "13th Floor" oder "Matrix" wären ohne die Grundlagen und Ideen, die er geschaffen hat, nicht denkbar. Er hat die Fundamente zu vielen Büchern und Kinofilmen gelegt, viele Menschen inspiriert.

Vor ihm war kein Autor auf die Idee gekommen, seine Leser in virtuelle Welten zu katapultieren. Landschaften, geschaffen alleine von Computern. Hacker, die sich unter Gefährdung von Leib und Leben dreidimensional in Firmennetzwerke einklinken, Daten ausspionieren und sich im günstigsten Fall ohne jeglichen Gehirnschaden wieder ausloggen.

Damit hat diese Neuveröffentlichung wenig am Hut. Außer dass Gibson seine Hauptakteurin Cayce taufte, und sich zum Vergleich der virtuelle Hacker in "Neuromancer" Case nannte. Zufall? Auch der Sprachgebrauch beider Bücher ist nur wenig vergleichbar. Der Leser wird bei "Mustererkennung" förmlich wie aus einer Stalinorgel mit Worten beschossen. Satzphrasen, kurz, prägnant, teils abgebrochen wirkend, kommen wie herauskatapultiert zutage. Teilweise fand ich diesen Schreibstil ganz ansprechend. Zumindest ist er für eingefleischte Gibson Fans sehr gewöhnungsbedürftig.

Aber kommen wir zum Inhalt. Cayce ist die Hauptperson und ist eine oft schnodderig wirkende Marketingberaterin, die vom Alter her irgendwo zwischen Zwanzig und Dreißig anzusiedeln ist. Beruflich macht sie in der Werbebranche ihre außergewöhnlich feinen Antennen zu barer Münze. Schon nach wenigen Sekunden kann sie instinktiv entscheiden, ob ein neues Firmenlogo oder Werbung für ein Printmagazin zum Scheitern verurteilt ist oder nicht. Wenn sie z.B. vom Michelin Mann völlig angewiedert ist, kommt es sogar zu somatischen Symptomen wie Atemnot, Zittern, Schweißausbrüche, etc. Dieser weiße, fettschwülstige Werbeträger sieht für sie so aus, als hätte er bei hohem Tempo - immerhin wirbt er ja für eine Reifenmarke - "eine Ente in’s Gesicht gekriegt".

Bigend, Chef einer der Marketingunternehmen für die Cayce freiberuflich arbeitet, bekommt Wind von geheimnisvollen Videoclips, die anonym aber sehr effektiv im Internet verbreitet werden und deren Fangemeinde sich ständig erweitert. Er erhofft sich, mit Hilfe von Cayce die Personen hinter diesen extrem geschickt erstellten Videoclips zu gelangen, um sie für seine Zwecke zu benutzen. Sie für seine Suche anzuheuern bietet sich förmlich an, da sie sich in ihrer Freizeit 'eh in fast jeder freien Minute diesem Thema widmet.

Cayce und ihre Freunde vom Forum rätseln schon länger herum, welchen Sinn diese Clips haben und wer Nutzen von deren Verbreitung haben könnte. Die Storyline wirkte auf mich lange fesselnd, weil sie Menschen in Situationen beschreibt, die unsereins auch täglich erlebt. Cayce ist voll und ganz ein Kind ihrer Zeit. Sie kennt sich mit ihrem Computer so gut aus, wie manch einer nicht mit seiner Westentasche. Sie weiß genau, wie sie das Netz als Informationsquelle und Nachrichtenbörse voll ausreizen kann. Wenn sie sich auch sonst stur jedem Trend widersetzt, so kann man sie doch immerhin als Technik-Junkie bezeichnen. Eine, die nur dann in Ruhe leben kann wenn sie täglich ihre Mails und ihr Lieblingsforum abgrasen darf. Generation GMX? Ja, irgendwie schon. Gibson’s Zukunftsvisionen aus "Neuromancer" haben sich zum Teil schon verwirklicht und spielen mit in dieses Buch hinein.

Am Ende versucht Gibson verzweifelt die Story seines Werkes mit den Ereignissen des elften September zu verbinden. Das wirkte auf mich etwas unpassend, künstlich dazugeschustert und aufgesetzt. Leider geht auch sonst im letzten Drittel des Buches der Storyline etwas die Puste aus.

Kaufen oder nicht?

Ich würde sagen: Auch wenn Ihr nicht in der Werbebranche arbeitet, trotzdem kaufen! Lohnt sich auch für diejenigen, denen "Neuromancer" nichts sagt oder die sich noch nie an einen Science-Fiction-Roman gewagt haben. Vielleicht gerade deswegen, weil "Mustererkennung" sehr wenig mit den üblichen Motiven aus der Science Fiction gemein hat.

Man darf also gespannt sein, was er nach seiner nächsten Kunstpause aushecken wird. Warten wir also erneut, sagen wir sechs bis sieben Jahre, ob ihm nochmal ein Volltreffer wie 1984 gelingen wird. Bis dahin kann man sich aber ganz prima mit seinem aktuellen Werk trösten.

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