Von der guten Aufnahme zum perfekten Bild?!?

Rubrik » Buchkritik

d70s-cover.jpgDass die Nikon D70 (und das Nachfolgemodell D70S) zu den meistverkauften digitalen Spiegelreflexkameras in Deutschland zählen, kann man auch an der parallel dazu erscheinenden Vielzahl von Büchern erkennen. Ich selber freue mich über diese Bücher, denn oft verraten sie einem noch ein paar Tipps und Kniffe, die man noch nicht kennt, egal ,wie lange man schon mit seiner Kamera arbeitet und selbst wenn dies nicht der Fall ist, bekommt man doch zumindest einige schöne Fotos zu sehen und Anregungen, wie andere Fotografen arbeiten.

Text: Gianfranco La Garda

Das vorliegende Buch von Michael Gradias hat mich auch angeregt: Zum Lachen, zum Hände über den Kopf zusammenschlagen und zum massiven Kopfschütteln. Was Autor und Verlag hier abgeliefert haben, ist eine pure Frechheit. Lieblos recherchiert und layoutet, voller inhaltlicher und orthografischer Fehler und mit einem Preis von 36,- Euro definitiv zu teuer.

Eigentlich mag ich es ja gar nicht, irgendwelche Dinge in einer Rezension völlig zu verreißen. Viele Kritiker meine ja, dass sei die wahre Kunst und scheuen sich doch nur vor dem Mut; eine eigene Meinung zu haben, indem sie etwas gut finden. Tja, und trotz aller Versuche, diesem Buch etwas Gutes abzugewinnen, kann ich es nur völlig verreißen. Ich habe selten einen solchen Mist gelesen, der zudem noch derartig lieblos layoutet ist, dass es einem die Fußnägel umdreht.

d70-buch-umschlag.jpg
Da hat der Lektor wohl gepennt...

Fangen wir von vorne an

Schon auf der Umschlagrückseite merkt man, mit welch heißer Nadel dieses Buch gestrickt wurde und dass es wohl eigentlich nur ein umgeschriebenes Buch über eine Canon-Kamera sein kann, warum sonst taucht im Zweiten Absatz des Beschreibungstextes folgender Satz auf: "Im ersten Teil erfahren Sie alles über Ihre Canon …"???

Dann geht es auf 144 Seiten um die Funktionen der Kamera. Soweit so gut, aber die könnte ich auch sehr einfach im mitgelieferten Handbuch nachlesen, was ich mir, sollte ich es verloren haben, auch einfach im Internet herunterladen kann.

d70-buch-wolken.jpg
Hm, schon interessant, das bei einem Bild Wolken am Himmel sind und die Schatten ganz anders fallen. So sind Vergleiche natürlich wirklich nicht zu gebrauchen.

Dafür wird auf eben diesen 144 Seiten reichlich Platz verschenkt, um Funktionen zu erklären, mit Bildern zu illustrieren und mit tollen Tipps zu ergänzen, die zwar ab und an schon sinnvoll sind, oft aber überflüssig, skurril und manchmal schlicht und ergreifend falsch.

Beispiel gefällig? Auf Seite 19 gibt es so einen schöne Tipp: Der Autor empfiehlt CF-Karten anstelle von Microdrives, weil die robuster und schneller seien, zwar etwas teurer, sich dafür aber auch nicht erwärmen würden und weniger Strom verbrauchen. Ja was ist das denn? Wärme? Was für ein Argument. Ich kratz mich am Kopf. Klar, die anderen Argumente sind richtig, aber auch da sollte jeder selber entscheiden, was er machen will und muss.

Wer viele Bilder in Serie machen möchte (Thema Sportfotografie), wird eine CF-Karte nehmen und wer seinen Akku nicht so leicht aufladen kann, greift auch dazu. Wer aber im Studio arbeitet oder auch mit 2 bis 3 Bildern in Serie gut leben kann, ist mit einem Microdrive einfach sensationell günstig dabei. Die "geringere Robustheit" ist in den meisten Anwendungen auch kein wirkliches Problem. Ich behandle meine Kamera ja auch entsprechend vorsichtig.

d70-buch-auto.jpg
So, beide Fotos sind also annähernd gleich brillant? Warum sind sie dann abgebildet? Ich kenne andere Beispielbilder, die den Vorsprung einer DSLR deutlich zeigen. Der Autor scheinbar nicht.

Auch ein schöner Tipp: "Bei der Entnahme der Akkus muss die Kamera so gehalten werden, dass der Akku von alleine "herausrutschen" kann." Ja, Wahnsinn, was für ein Tipp. Da wäre ich ja nie von alleine drauf gekommen. Schlimmer sind dann schon Tipps, die die Verwendung von mechanischen Filtern als überflüssig erklären, da man dies ja mit Software genauso gut erledigen kann. So, so... Und woher soll die Software dann die Bildinformationen herholen, die beispielsweise ein Polfilter bei Wasseroberflächen darstellt? Oder ein Graufilter, der bei sehr hellem Licht überhaupt erst bestimmte Bilder ermöglicht?

Die bei den Tipps gezeigte "Qualität" setzt sich nahtlos im Rest des Buches fort und besonders amüsant wird es, wenn der Autor mit Beispielfotos technische Sachverhalte darstellt und aufzeigt, wie man gute Bilder macht und aus guten sogar perfekte hinbekommt.
Ich hätte dem Autor neben vielen anderen Dingen vor allem empfohlen, ein bisschen mehr Zeit und Wissen in diesen Bereich zu investieren, denn die meisten Motive sind einfach belanglos und es wirkt so, als hätten noch schnell ein paar Beispielbilder geschossen werden müssen, weil das eigene Archiv dafür nicht genügend Futter hergab.

Selbst die Zeilen dieser Rezension sind eigentlich schon zu viel Mühe für dieses Werk und so kann ich nur davon abraten, es zu kaufen. Selbst in der Bücherei würde ich es im Regal stehen lassen.


Buch

Nikon D70S
"Von der guten Aufnahme zum perfekten Bild"
von Michael Gradias
erschienen im Markt+Technik Verlag
ISBN 3-8272-4018-2
Preis € 36,-

Als Favorit speichern » AddThis Social Bookmark Button

Kommentare

Hehe, Markt+Technik Verlag - sagt das nicht schon alles? ;)

meint: Ronny am 23.11.05

naja, diese kritik gilt im grunde für alle 'markt+technik' bücher. alles schrott, die reinste geldmacherei. ganz ähnlich (eigentlich noch schlimmer) ist hier auch der jämmerliche 'galileo'-verlag, also finger weg...

wirklich empfehlen kann ich eigentlich nur o'reilly und hanser. hier kann man wirklich 'blind' zugreifen, die haben einfach die besten autoren für jedes thema. ich kauf mir fast jede woche ein buch eines dieser zwei verlage und es war noch kein einziger fehlgriff dabei.

mo, mach weiter so, ne ehrliche kritik ist einfach gold wert. zerreissen ist auch mal was feines. ;)

meint: fabien am 23.11.05

@fabien: die kritik stammt nicht von mir! sondern von gianfranco la garda, einem befreundeten journalisten/fotografen.

naja, und der galileo verlag hat auch schon ein paar recht gute bücher rausgebracht. zuletzt war dabei ein buch über "suchmaschinenoptimierung". das kann ich wirklich empfehlen. ich denke, jeder verlag greift mal daneben. wie bei einem label...

meint: mo. am 23.11.05

@mo: ja, ausnahmen bestätigen die regel... ;)

meint: fabien am 23.11.05

vom besagten buch zur suchmaschinenoptimierung gibt es eine recht umfangreiche leseprobe beim verlag als pdf: http://www.galileocomputing.de/download/dateien/768/galileocomputing_suchmaschinen_opti.pdf

diese erweist sich bereits an sich als brauchbar.

phlow-leser können das ja besonders gut beurteilen:
http://phlow.net/webtechnik/beruf_linkfarmer_offsiteoptimierung.php
http://phlow.net/webtechnik/onsiteoptimierung_sowohl_fr_google_als_auch_den_user_optimieren.php
http://phlow.net/webtechnik/suchmaschinenoptimierung.php

meint: Tadeusz Szewczyk am 24.11.05

Also es mag sein, dass das Buch mit heisser Nadel gestrickt wurde.

Aber ich habe den Eindruck, als ob hier ein Profi ein Buch fuer Anfaenger kritisiert. Da ist es natuerlich kein Wunder, dass einige Tipps banal erscheinen. OK, warum ein Anfaenger eine D70 haben muss ist ein anderes Thema. Aber der Klappentext deutet schon darauf hin: "... Ihre Bekannten werden staunen ..."

Und noch dazu: viele Verlage verzichten heute leider auf Lektoren. Nur so sind die haarstraeubend haeufigen Fehler in vielen Buechern zu erklaeren.

Das nur mal als Anmerkung, nicht als Verteidigung des Autors oder Verlags :)

meint: Michael Long am 24.11.05

Hi Michael!

Ne, habe das Buch definitiv nicht aus der Warte des "Profis" betrachtet. Dafür schreibe ich lange genug, um persönliche Standpunkte außen vor zu lassen.
Ich habe auch nichts dagegen, dass mancher Tipp banal klingen mag in einem Buch, das hast du ja bei fast jedem Ratgeber, dass es Teile gibt, die für dich selber nützlich sind und andere, die es nicht sind.
Ich finde eben nur, wenn man zig Seiten für eine zweite Bedienungsanleitung verschwendet, die ja auch ein Anfänger beim Kauf seiner D70 schon hat, ist das übrflüssig und Tipps, wie man den Akku wechselt, was jetzt wirklich nicht schwer ist und jeder, dem ich die Kamera geliehen habe, ohne Probleme und Anleitung hingekriegt hat, echt völlig daneben sind.

Meine Hauptkritik an dem Buch ist aber eben die, dass die Tipps oft einfach falsch oder sehr zweifelhaft sind, wo der "Profi" vielleicht noch abwägen kann und/oder nur schmunzeln muss, der Anfänger aber nicht weiß, ob der Tipp stimmt und ihn erst einmal als richtig betrachtet.
Und dann wundert sich der Anfänger, wieso ihm bestimmte Bilder nicht so gelingen. Ich sage mal Thema Pol-Filter. Den kannst du eben nicht per Software (was der Autor ja meint, dass man wegen der guten Software keine mechanischen Filter mehr benötigt) ersetzen und manche Filter lassen sich zwar mit der Software emulieren, oft geht es aber viel schneller, wenn du den guten alten mechanischen vor´s Objektiv schraubst.

Mich stört an dem Buch auch der absolute Anspruch des Autors, "es zu wissen". Es gibt eben viele Wege nach Rom und nicht jeder ist der schnellste/beste/einfachste/effektivste für jeden. In solchen Dingen müsste ein Buch einfach besser beraten, gerade den Anfänger, der noch nicht auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen kann.

Andere Bücher zeigen ja, dass es anders und besser geht, wie du hier auch bald lesen können wirst.

Grüße
Gianfranco

meint: Gianfranco La Garda am 24.11.05

Kommentar schreiben!

Kommentare:

Klick-Konzept - Essentielles Webdesign