Tim Renner - Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!

Rubrik » Buchkritik

cover_renner.jpgZunächst war ich sehr, sehr misstrauisch. Tim Renner? Das ist doch dieser Egozentriker aus dem Musikbusiness. Mal sehen was der zu sagen hat und direkt das Fazit aufgeschlagen. Etwas aufgeschreckt von der schamlosen Eigenwerbung für sein Label Motormusic lasen sich Renners Vorschläge trotzdem sehr interessant. Ich gab dem Buch eine Chance und begann von vorne zu lesen. Und es hat sich gelohnt!

Text: Martin Wisniowski

In der Einleitung des Buches steht ein Satz wie ein programmatisches Motto:

"Um das Entüllen geht es mir nicht wirklich. Ich könnte nur aufzeigen, dass die Industrie nicht - wie von mir damals angenommen - böse, sondern bestenfalls blöde ist. Aber wen interessiert das? Und sollte ein Buch auf Schadenfreude basieren? Interessanter ist diese Industrie vielmehr als Seismograph."

Musik zwischen Kapital und Popkultur

Tim Renner räumt die Geschichte der Tonträgerindustrie auf. Er richtet sein Scheinwerferlicht auf schöne, revolutionäre Momente, aber auch auf ganz häßliche Dinge, wie One-Hit-Wonder, Zweitverwertung und dem Diktat des Kapitals. In sachlich beschreibendem und mitunter sehr amüsanten Tonfall nähern wir uns der Gegenwart moderner Tonträger. Tim Renner schickt seine Argumente spazieren und es macht großen Spass seinen altklugen Tipps zu lauschen. Somit ist dieses Buch das passende Gegenstück zu Janko Röttgers Netaudioreport "Mix, Burn, R.I.P". Und wer ausser Tim Renner mag so nett und glaubwürdig direkt aus dem Business über seine ehemaligen Kollegen lästern? Er ist wohl auch immer ein wenig Querschläger gewesen. Und wie man sich als kulturell-ambitionierter Exot fühlt kann ich hier in der Provinz mehr als gut nachvollziehen!

renner.jpgTim Renner grenzt sich von der gesichtslosen Masse der Musikbosse ab, zeigt aber auch, dass man als Chef eines Konzerns nicht immer Freiheiten hat. Wie oft doch das Kapital das Tempo vorgibt, so dass man manchmal nicht anders kann als Entscheidungen zu treffen, die einem selber wehtun!

Wo war Musik?

Dieses Buch ist ein Pladoyer für Mut zum Risiko und zur Persönlichkeit. Für Musik die aneckt, aber gut ist. Es geht nicht um rationale Argumente, das Neue und Interessante kommt aus den seltsamsten Ecken: spontan, eruptiv, viereckig. Netaudio: nur so kann ich mir erklären, warum eine Band wie die Batfinks so begeistern. Entweder man hasst sie, oder ist total vernarrt in diese Musik. Eine sorgsame Aufbauarbeit und Mut zum Künstler ist die Grundlage für spannende Musik. Grade in schnellebigen Zeiten wie den Unseren.

Etwas überrascht bin ich von Renners Empfehlungen zur Verbesserung der Zunft. Überrascht deswegen, weil die Creme der Netlabels schon selbstverständlich so arbeitet: Qualität, Netzwerkei, die Marke und im Zentrum der Aufmerksamkeit die Musik mit ihren Musikern.

Markenbildung

Es gibt auch Töne in dem Buch, die mir misfallen und mich skeptisch machen. Motormusic, Tim Renners Label: der Chaosverein der schon immer wusste wo es lang geht. Dieses Buch hört sich streckenweise wie ein Werbespot an, dem ich jetzt hier wohl auf den Leim gegangen bin. Trotzdem ein schönes Buch. Nur fehlt die eingeklebte PromoCD.


Tim Renner - Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!
Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie

Campus Verlag. 303 Seiten.

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Leseproben:

Tim Renners Website www.campus.de
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Kommentare

Mir gefällt der Buchtitel nicht.

Auch mal das hier lesen:
http://twenfm.mint.de/50.2.html

PRODUCTION RUN
(etwas runterscrollen)

meint: mrcs am 20.10.04

uf der Hippocamp cover Compilation (hc091) findet sich im übrigen ein schöner neuer Track von den Batfinks

http://hippocamp.panicnow.net/hc091/hc091_bonus_track_down_a_different_river_by_batfinks.mp3

meint: 020200 am 21.10.04

klasse subjektives revıew. fınde deıne beleuchtung sehr eınleuchtend und den skeptizismus, den du renner entgegenbringst, entspricht genau meinem. tım renner ist einfach ein gewiefter hund... mich würden sehr die verkaufszahlen des buches interessieren.

meint: mo. am 22.10.04

Ach Phlow,
es ist wirklich honorig, wie Ihr Tim Renners Buch besprecht. Voller Erwartung, und von der Klasse von Phlow schon lange überzeugt, klickte ich mich zur Buchbesprechung weiter.

Aber leider wurde meine Zuversicht, etwas Konkretes über den Buchinhalt zu erfahren, ein wenig enttäuscht.

So sympathisch und spannend die einleitende Annäherung der Rezension, so ernüchternd das wesentliche. Viel zu nebulös und allgemein, gepaart mit der natürlich mal wieder nicht fehlender Eigenwerbung für Netlabels ("...weil die Creme der Netlabels schon selbstverständlich so arbeitet: Qualität, Netzwerkei, die Marke und im Zentrum der Aufmerksamkeit die Musik mit ihren Musikern." Boooohh!!), blieb ich genauso unschlau zurück wie vorher.

Was sind denn jetzt die Kernaussagen des Autors? Was, bitte schön, ist "die Gegenwart moderner Tonträger". Ich werde das Buch mit Interesse lesen, aber leider völlig unvorbereitet durch Phlow. Wie schade ;-)

meint: Alexander von Humboldt am 31.10.04

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