Auf dem Erfolg des Vorgängers, Empire, beruht die Erwartungshaltung mit der sich die Leserschaft "Multitude" widmet. Multitude ist nicht nur der schillerndste Begriff aus der Bibel der linksintellektuellen Kreise, eben Empire, es ist sozusagen das dazugehörige Neue Testament.Text: Tadeusz Szewczyk
Wir erinnern uns, Empire war ein Verkaufsschlager und Anfangspunkt unzähliger hitziger Debatten. Für ein Buch über politische Theorie sicher ungewöhnlich. Es ging darin quasi um eine ganzheitliche Analyse der zeitgenössischen Herrschaftsformen, die kurz gesagt allumfassend, allgegenwärtig sind und ein großes Ganzes bilden, ja richtig vermutet, das Empire. Doch damit nicht genug, in Zeiten in denen die meisten kommunistischen Staaten glücklicherweise abgelebt sind, und ich darf das sagen, ich bin aus einem geflüchtet, glorifizierte Empire den Kommunismus. Das Heilsversprechen dieser Bibel war also auch eine Art Paradies.
Natürlich handelt es sich bei diesem Kommunismus um einen anderen als etwa in der DDR. So verblendet sind die Autoren, zeitweilig politisch verfolgt, inzwischen Celebrities, Antonio Negri und Michael Hardt keinesfalls. Es geht um den gleichen Kommunismus wie im englischen common, also auch etwa wie in Creative Commons, um das gleichberechtigte Zusammenleben freier Individuen.
Mir fiel allerdings schnell ein Widerspruch auf. Manche kennen ihn vielleicht auch von Rage Against the Machine. Eine der Hauptforderungen des Kommunismus, auch des hier gemeinten, ist ja die gleiche Aufteilung der Ressourcen. Im Ostblock war ja vor Allem eine Gleichverteilung der Misere der Fall, ausgenommen die Funktionäre natürlich. Doch wie will diese hehre Forderung erreicht werden mit einem Band der 35 Euro kostet? Das können sich doch sicher nicht alle leisten, so auch ich nicht. Auf das Argument, sich der Kulturindustrie bedienen zu wollen um subversive Botschaften zu verbreiten reagiere ich üblicherweise zweigleisig. Ich vermute, es kann klappen, andererseits habe ich trotzdem keine Lust dafür zuviel zu berappen.
Zum Glück bot eine amerikanische Uni Empire zeitweise gratis als PDF an. Ich gebe zu, ich habe es dennoch nur auszugsweise gelesen, wer will schon stundenlang am Rechner dicke Wälzer scrollen.
Bei Multitude wählte ich einen effektiveren Kompromiss, ich ließ mir eine Kopie vom Campus Verlag zuschicken. Dafür brauchte dieser zwar länger als 2 Wochen, aber mein Exemplar hat nur einen Mangel auf den vorletzten 2 Seiten. Nun bin ich ein ehrlicher Mensch und will die dem Verlag versprochene Rezension abliefern. Meine Meinung soll aber genauso ehrlich sein. Auch hier habe ich erst knapp hundert von mehr als 400 Seiten durch, aber es läßt sich schon erkennen, daß das Buch lesenswert ist.
Bevor ich schreibe warum, will ich noch einen Begriff erwähnen der in Empire benutzt wurde, Biomacht. Dieser wird in Multitude um Biopolitik erweitert, nicht im herkömmlichen Sinne wie etwa auf Indymedia Germany wo damit Genversuche, Klonen und dergleichen gemeint sind. Biopolitik ist trotz seiner Zweideutigkeit allein als Begriff und Konzept schon wert dieses Buch zu lesen, womit ich dennoch nicht dazu aufrufen will es zu kaufen. Das Verständnis des Begriffs Biopolitik laut Negri/Hardt-Definition führt zu einem geradezu beängstigenden Aha-Effekt.
Das Buch ist ja leider doch von Theoretikern verfasst, weswegen es keine Beispiele aus dem realen liefert, zumindest nicht bei seinen ersten Vorkommnissen innerhalb der ersten hundert Seiten.
Um Abhilfe zu schaffen, Biopolitik findet ununterbrochen in unserem Leben statt, die Entscheidung was ich anziehe, esse, kaufe, ja selbst ein Lächeln ist Biopolitik. Denn wir erfahren, daß selbst Affekte produziert werden. Dies vermag aus dem Kontext herausgerissen abwegig klingen, ist es aber nicht. Nicht nur der sogenannte Habitus, also die Art zu Leben sind gemeint, sondern tatsächlich der ganze Umfang der Zwänge, Notwendigkeiten und Beziehungen die die Macht bewirkt. Die Macht ist hierbei tatsächlich etwas unpersönliches, eine Art strukturelle Durchdringung eines jeden Menschen. Das ist sicherlich schwer faßbar, die beiden Autoren geben sich zwar redlich Mühe das in einfache Worte zu kleiden, aber es bleibt nichtsdestotrotz abstrakter als nötig. Offenbar wollten Negri und Hardt weiterhin im akademischen Diskurs ernst genommen werden.
Die unkomplizierte Sprache, die von den Autoren vorgesehen war, wird leider ein Wenig von der Übersetzung unterlaufen. Da ist von „Entität“ oder „Ambiguität“ die Rede, wo im Englischen entity oder ambiguity stand. Der Umstand, daß Ambiguität ein weithin unbekanntes Fremdwort für Doppel- oder Zweideutigkeit ist, zeigt das typisch deutschsprachige Unvermögen etwas einfaches einfach auszudrücken. Solche ungelenk übernommenen Anglizismen häufen sich.
Die Frage nach dem Access also Zugang (vgl. Jeremy Rifkin), bzw. der Zugänglichkeit stellt sich erneut. Nach Rifkin ist dies eine zentrale Kategorie nicht nur bei der Wissenvermittlung und hierbei werden also zusätzliche Hürden geschaffen. Soll Multitude nur im akademischen Kontext gelesen werden? Wohl nicht. Eher ist zu vermuten, daß die in Multitude abgelehnte Kategorie „Arbeiterklasse“ eben auch nicht angesprochen werden soll. Multitude richtet sich an solche die „immaterielle Arbeit“ verrichten, also eben an die Rädchen im Räderwerk der Kulturindustrie. Die Kompetenzen die sich dort laut Negri und Hardt erlangen oder für diese erst qualifizieren erlauben Ihnen auch das Verständnis dieses Bandes.
In trauriger Weise ist das Buch prophetisch, denn lange vor Bekanntwerden der Folterungen im US-besetzten Irak konstatiert es die Folter als Kennzeichen der heutigen Macht im globalen Kriegszustand. Auch sonst sind viele Passagen deprimierend. Multitude konfrontiert in traditioneller linker Weise mit der bitteren Wahrheit. Die nachvollziehbar düstere Entwicklung zum „permanenten globalen Kriegszustand“ und die Verlagerung des Militärischen in alle anderen Lebensbereiche, mittels Überwachung, Disziplinierung und wirtschaftlich-kulturell vorgegebener Lebensweisen, wird durch die den Autoren am Herzen liegende Hinwendung zum Widerstand gekontert.
Dies gelingt zwar auch stellenweise, möglicherweise in späteren Kapiteln die sich damit eingehender beschäftigen auch erfolgreicher, allerdings gibt es da ein ziemliches Ärgernis zu beklagen. Ausgehend von dem konstatierten allgemeinen Kriegszustand gibt es in den theoretischen Analysen von Widerstands-Praktiken scheinbar keine Grenzen zwischen bewaffneten Fanatikern und Demonstrierenden aus Seattle. Da werden Taktiken des Widerstandes verglichen und zusammengeworfen die auf den sonst emotionalen Aspekt keinen Wert legen. Da kommt in altlinker Manier ein illustrer Kreis aus Roten Khmer, RAF und Intifada zusammen und dient zum Verständnis von „Widerstand“ und wird in einem Zug mit der unbedingten Notwendigkeit des „Krieges gegen den Krieg“ zusammengeworfen. Da sträuben sich sogar mir, der ich mich mit den Themen bereits auseinandergesetzt habe, die Haare. Da hilft es auch nicht wenn anschließend die wahre Demokratie herbeigerufen wird.
Wer etwa von No Logo Widerstand als etwas anderes kennt, wird in Multitude kein Plädoyer für den reinen Pazifismus finden. Damit wird noch eins deutlich, Multitude wurde von zwei Männern verfasst.
Eins gelingt Multitude auf jeden Fall, die Gesamtsituation zu erfassen, analysieren und wiederzugeben. Wer wissen will wolang sich die Welt dreht, für den ist die Lektüre von Multitude unerlässlich.
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meint: Tadeusz Szewczyk am 13.10.04Für Fans ;-) - ältere Artikel von mir:
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