Megaherz: Liebe in den Zeiten der Globalisierung

Rubrik » Buchkritik

cover_megaherz.jpgLiebe am 12. September, so könnte, angelehnt an einen Protestsong der amerikanischen Spoken Word-Größe Saul Williams, die Zusammenfassung dieses Buches lauten. Megaherz. Bas Böttcher, der deutschsprachige Slam Poet der vom Verlag als netter Junge von nebenan, mit Zitaten aus den offiziellen Presseorganen belegt, verkauft wird, beginnt sein Erstlingswerk, einen Liebesroman, mit Terror.

Text: Tadeusz Szewczyk

Genauer gesagt, beginnt er mit einer Terror-Warnung, die allein an sich schon terrorisiert, in Panik versetzt und einfach durchnäßt. Bereits auf der zweiten Seite ist indirekt vom 11. September die Rede. Bereits auf der ersten Seite wird mit einem Motiv, einer Flughafen-Szene wie aus Fight Club klar, dies ist ein Roman über das, was landläufig, wenn auch nicht ganz korrekt, gern als Globalisierung bezeichnet wird.

Die Liebe als zeitloses und urmenschliches Element tritt an gegen die Absurditäten eines postmodernen Alltags, in dem von einer Minute auf die Nächste alles anders werden kann. Das gemütliche Beisammensein zu zweit wird jäh unterbrochen vom Domino-Effekt einer sich längst verselbständigten Paranoia.

Denn wir befinden uns an einer Hauptader der Zivilisation, am Flughafen, und wir wissen, jederzeit kann uns ein Problem vom anderen Ende der Welt einholen. Besonders symbolträchtig dabei, im Angesichts der Panik, wird das gerettet was identitätsstiftend ist, hier die Plattensammlung. Denn der Protagonist ist DJ. Als ob die Kiste das Banner der eigenen Truppen wäre auf diesem potentiellen Schlachtfeld, daß aus dem Nichts überall enstehen kann.

bas_boettcher.jpgDoch nein, die Liebe. Um die soll es gehen. Sie hat die Hürden der angeblichen Sonnenseiten der Globaliserung sowie der scheinbar allgegenwärtigen Terrorgefahr zu überwinden. Denn wie liebt es sich über Zeitzonen, tausende Kilometer und wechselnde Standorte hinweg? Denn wer genug Kapital hat oder diesem dient, kann seinen Bewegungen folgen. Aber wo bleibt er oder sie dann? Wo bleibt der Mensch dabei, woran hält er sich fest, an Vinyl?

Aber halt, wer denkt dies sei ein schwerverdaulicher gesellschaftkritischer Roman, dem sei gesagt, nein, die Weltlage bleibt eine Kulisse. Im Vordergrund bleibt der Mensch, bleiben die Gefühle, das Alleinsein, die interkontinentale Obdachlosigkeit.

Formal erinnert das Buch seltsamerweise an ein Musical. Die fulminant fließenden und gereimten Passagen fügen sich als Einzelteile ein, ähnlich wie bei diesem Filmgenre in die herkömmlich erzählte Geschichte. Die Sätze fließen. Es liest sich leicht wie ein Trivialroman. Doch er ist es nicht.

Wir drifteten ab.
Lagen umschlungen,
verschlangen uns vor Verlangen.
Zwischen uns ne Supernova.
Zwei Himmelskörper als Lover...

Megaherz handelt dabei nicht nur von Liebe oder dem Versuch diese angesichts der geographischen Zerrissenheit festzuhalten, oder eher dieser hinterherzufliegen. Megaherz handelt von Überwachung, den Hürden der weltumspannenden Datenleitungen, von Spam, gecrackter Software, Mailboxen sowohl für Mail wie auch beim Telefon. Megaherz handelt von kulturellen Unterschieden anhand von Supermärkten.

Die Überwachung schleicht sich immer mehr ein im Laufe der Geschichte. Sie ist teils unsichtbar und nur vermutet, teils ganz konkret da, teils selber von den Protagonisten ausgeführt, mit einem Keylogger etwa.

Insofern empfhielt es sich ein weiteres Buch parallel zur Hand zu haben. Ich habe es rein zufällig zur gleichen Zeit gelesen und mußte staunen wie deckungsgleich die beiden waren. "Die Politik der Infosphäre" von Konrad Becker stellt all das und mehr zusammen was in Megaherz Teil des Umfelds, ja Teil des Schicksals der Protagonisten ist:

Die entsprechenden Technologien, von Überwachungskameras bis zu Tracking-Technologien im Internet, vom Abhören von Telekommunikation bis zum Keyboard-Monitoring (der Aufzeichnung der Tastaturanschläge) am Arbeitsplatz, sind mittlerweile in den informationsbasierten Gesellschaften weit verbreitet.

Wird die Flugsicherheit Ariane, der wunderschönen Flugbegleiterin zum Verhängnis?

Book Release Party

Für die Schnellentschlossenen: Die Book Release Party findet am 9. September ab 21 Uhr im Berliner Bastard statt.

Links:

Bas Böttchers "Megaherz" erscheint laut Autor absichtlich als überkitschtes Hardcover und später als Hörbuch beim Rotbuch Verlag. Hörproben gibt es schon jetzt auf der Website zum Buch: www84.pair.com/tegernh/megaherz.html.

Konrad Beckers Standardwerk "Die Politik der Infosphäre" ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen und im Netz als PDF erhältlich.

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Kommentare

vielen dank für deine überaus gelungene buchkritik. wortgewand, klar, interesse-weckend. ich les mir jetzt erstmal die pdf's durch. :)

meint: Martin am 10.09.04

Danke für die Blumen. War mir gar nicht so sicher ob das hier hineinpaßt. Bislang besprachen die Anderen eher Sachbücher hier.

meint: TS am 10.09.04

Klingt generell nach ner guten Idee... ist mir aber zu HipHop alles.

meint: renniac am 11.09.04

es ist schon das du hach macedonien gekommen bist wie gfahlt es dir hier. liebe grusse

meint: viki am 01.03.07

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