Janko Röttgers: Das Ende der Musikindustrie oder ein Neuanfang?

Rubrik » Buchkritik

mixburnrip.jpgMit seinem Buch "Mix, Burn, R.I.P." arbeitet Janko Röttgers nicht nur die Vergangenheit der Tauschbörsen wie Napster & Co auf, sondern berichtet auch über die Entstehung der Netaudio-Szene. Doch auch die Thesen, Interviews und Berichte rund um das Thema Musikwirtschaft sollten einen jeden Musik-Fan interessieren. Denn es geht um die Zukunft von Musik und der damit verbundenen Vertriebswege. Wir haben das Buch gelesen und Janko einige Fragen gestellt. (Nachtrag: Probekapitel 'Die Napster Revolution' online!)

Introducing

Janko Röttgers kann man durchaus als einen der best-informiertesten Journalisten Deutschlands betiteln, wenn es um das Thema Internet und Musik geht. Dabei lebt er seit einiger Zeit in Los Angeles und ist auch geographisch ein Stückchen der RIAA auf den Pelz gerückt. Der Musik-Fan, der nicht nur im Heise-Verlag sein Buch veröffentlicht, sondern regelmäßig für das Online-Magazin Telepolis schreibt, veröffentlicht unter anderem Texte und Berichte in der De-Bug oder tonspion.de.

Auch wenn Jankos Herz für Indies und unabhängige Plattformen schlägt, verfällt er nie der Polemik, sondern schreibt kritisch, urteilt fair und ist weit entfernt von Platitüden. Sein Buch, dass einem noch einmal hervorragend die Geschichte der File-Sharing-Systeme allen voran Napster vorstellt, gibt mögliche Ausblicke auf die Zukunft der Musikwirtschaft und dem Vertrieb von Musik.

Mittlerweile bröckeln immer mehr Vertriebe. Gestern berichtete Heise z.B. dass es eigentlich nicht mehr fünf, sondern nur noch vier Majors gäbe. Überall werden Stellen abgebaut, schulden auch die Indie-Vetriebe ihren kleinen Plattenlabels Geld. Es war also wirklich Zeit für einen kritischen (Aus)Blick. Intelligent und interessant ist vor allem wie Musiker, Majors und Indie-Plattenlabels die Entwicklung sehen. Deswegen kommen unter anderem auch Menschen wie Tim O'Reilly (Gründer des O'Reilly & Associates Verlag), Mark Cuban (broadcast.com), Matt Black (Ninja Tune) oder Gerd Gebhardt (IFPI) in "Mix, Burn, R.I.P." zu Wort. Schade nur, dass die Interviews so kurz ausgefallen sind. Aber vielleicht hat sich Janko etwas für kommende Bücher aufgespart, wer weiß, denn gewieft ist er allemal.

Also eine wirkliche Empfehlung und Bereicherung im sonst meist einseitigen Lammentieren der Industrie. Und wenn wir schon einmal dabei sind, dann sollten sich Netz-Nerds auch einmal das sehr unterhaltsame Buch "Netzpiraten. Die Kultur des elektronischen Verbrechens." anschauen, dass Janko gemeinsam mit Ex-Telepolis Redakteur Armin Medosch veröffentlichte.

Aber wir hatten da noch ein paar Fragen an den Autor...

janko_roettgers.jpgGeistiges Eigentum von Büchern über Musik bis hin zu Filmen kann digitalisiert werden und wird. Als Autor bist du selbst auch gefährdet. Wie reagierst Du wenn Du Dein Buch via File-Sharing als E-Book finden würdest?

Das ist mir schon passiert, wenn auch nicht mit diesem Titel. Eigentlich war ich eher erfreut, da es mir gezeigt hat, dass das Buch Relevanz hat. Das ist bei Musikern ja auch so: Wer nicht in P2P-Netzen auftaucht, muss sich wirklich Sorgen machen.

Gleichzeitig will ich nicht so tun, als ob E-Book- und MP3-Piraterie das gleiche ist. Als Buchautor kann man sich noch ganz gut darauf verlassen, dass die meisten Leute das gedruckte Original dem PDF aus dem Netz vorziehen.

In "Mix, Burn & R.I.P." führst Du allerlei Argumente auf, wie sich Manager, Musiker und Verleger die Zukunft der Musikwirtschaft vorstellen. Wie sieht denn Deine (gewagte) Prognose aus?

Das deutet der Untertitel ja schon an: Ich sehe keine Zukunft für die bisherigen Wirtschaftsstrukturen der Musikindustrie. Statt dessen glaube ich eher an ein Aufwerten der Nischen und hoffe, dass mit anderen Lizenzierungsmodellen tatsächlich mehr Menschen von Musik leben können. Eine Renaissance des musikalischen Mittelstands sozusagen.

In Deinem Buch arbeitest Du die Vergangenheit aus, bietest Links und Daten. Oft ist das Internet ja so flüchtig, dass viele Daten und Berichte wieder verschwinden. Wie arbeitest Du? Gibt es da intelligente Werkzeuge mit denen Du News archivierst, oder wie behältst Du die Übersicht?

Indem ich Bücher schreibe wie diese und damit mein eigenes Archiv ausbaue :-) Nein, im Ernst: Wer lange genug im Netz sucht, findet erstaunlich viel. Dabei hilft nicht nur Google, sondern vor allen Dingen auch das Internet Archive web.archive.org. Ansonsten sind private und öffentliche Mailinglisten-Archive sehr wichtig für mich. Also Web-Archive, aber eben auch die 65 000 Mails auf meiner Festplatte. Und zuguterletzt ersetzt natürlich nichts die direkte Recherche. Also mit den Leuten reden, die dabei waren.

Mittlerweile sprießt ja ein Netlabel nach dem anderen aus dem digitalen Nährboden. Immer mehr Musiker und Internet-Freaks werden selbst zu Musik-Verlegern und Promotern. Wie siehst Du die Zukunft der Netlabel-Szene?

Sehr vielfältig. Einige werden sicher versuchen, das weiter zu professionalisieren und dabei möglicherweise einige sehr interessante und richtungsweisende Vertriebs- und Vermarktungsmöglichkeiten ausprobieren. Gleichzeitig denke ich, dass es auch immer einen Bedarf an dieser Lofi-Unmittelbarkeit geben wird. Also einfach schnell übers Wochenende eine Website zusammenzimmern und dann die Tracks drauf, so lange sie noch warm sind. Beides hat seine Berechtigung.

Du bist selbst auch Musik-Fan. Was waren und sind Deine letzten Lieblingsplatten und Tracks?

Gute Frage. Das wechselt eigentlich ständig. Momentan hör ich gerne "Escape from Monster Island" von den Monster Island Czars, Luomos "Present Lover" und die letzte Thinner-Compilation "Silent Season Dub".

Danke für das Interview!

Nachtrag: Nun gibt es online auch noch ein
Probekapitel 'Die Napster Revolution' des Buches als PDF-Download.

Info: Die Website www.lowpass.de ist Jankos Journalisten-Seite, während sein Weblog passend zum Buch www.mixburnrip.de lautet. Dort findet Ihr wie auch in unserem Newz-Blog newz.phlow.net aktuelle Schlagzeilen zur Musik-Entwicklung samt Web & Co.

Kritik & Interview: Moritz Sauer

Buch-Download

PDF-Version: Mix, Burn and R.I.P. (Download)

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Kommentare

die frage, die mit den worten "In Deinem Buch arbeitest Du die Vergangenheit aus" anfängt, kommt vermutlich versehentlich zweimal vor.

meint: laszlo szell am 04.10.03

@ laszlo: HEY, vielen lieben dank! mann, dass ich das selbst und niemand anderes gesehen hat. habe die richtige frage eingesetzt ;)

meint: Moritz am 04.10.03

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