Es gibt Menschen die zu früh sterben. Es gibt Visionäre die einfach ihre Zeit sprengen. Auf Ingvil Aarbakke vom dänischen Kollektiv N55 trifft beides zu. Sie ist bereits im November vergangenen Jahres verstorben. In deutschsprachigen Medien erschien nicht einmal ein Nachruf. Das wird nicht einfach jetzt nachgeholt, sondern soll Anlass bieten um eines der Werke mit ihrer maßgeblichen Beteiligung zu würdigen: Das einzigartige N55-Buch. Dieses gibt es natürlich auch gratis als PDF, ganz der Philosophie von N55 entsprechend.N55 ist keine Berliner Nachtbus-Linie. Das erste Mal bemerkte ich N55 durch einen Artikel beim Adbusters Magazine. Während letzteres mir oftmals noch zu sehr "anti" ist, noch zu sehr im Hier und Jetzt verhaftet, im falschen Leben steckt und es anprangert, merkte ich bei N55 gleich: Diese Menschen sind anders. Ganz anders: Sie schaffen eine eigene Welt - mit ihren eigenen Köpfen, mit ihren eigenen Händen. In dem Artikel hieß es N55 würde "mobile Unterkünfte für Obdachlose" bauen. Das beeindruckte mich. Waren das nun Künstler, Architekten, Ingenieure? Eins scheint fest zu stehen: N55 sind mitunter die erfolgreichsten Erben der Situationisten, dieser letzten visionär-interdisplinären Bewegung. Die Situationisten scheiterten allerdings am eigenen Elitarismus. Von diesem ist N55 meilenweit entfernt.
Ingvil Aarbakke war Mitbegründerin von N55. Sie ist mit ganzen 35 Jahren an Krebs gestorben. Viel mehr ist nicht dazu zu sagen. Ihr Name war mir bis dato unbekannt, ich hatte die extravaganten Werke von N55 immer nur unter dem Namen des Kollektivs wahrgenommen. Das war Teil deren Philosophie. Die Künstlerinnen scheuten das Rampenlicht als Einzelne zugunsten des Ganzen. Irgendwie erinnert das an Fight Club als nach dem Tod eines der namenlosen Protagonisten plötzlich sein Name zutage tritt: "Sein Name war Robert Paulsen". Ihr Name war Ingvil Aarbakke. Doch es wäre anmaßend nachträglich einen Personenkult aufzubauen wo keiner war, deswegen hier ein Zitat über N55:
“Obwohl funktional, hat N55s Kunst etwas Phantastisches an sich. Man fühlt sich an Science-fiction-Filme erinnert: intergalaktische Reisende, die auf einem unwirtlichen Asteroiden gestrandet sind und mit Einfallsreichtum und wissenschaftlichen Mitteln eine in der Heimat nie dagewesene Lebensqualität erreichen. [...] N55s diversifizierte künstlerische Arbeit ist eine Antwort auf die Diskussion aktueller politischer und ökonomischer Bedingungen und artikuliert eine Art Rückstoß-Effekt utopischer Überlegungen.
Dabei war Ingvil Aarbakke oft im Bild wenn die Modelle und Bauwerke, das dürften wohl die besten Begriffe dafür sein, vorgestellt wurden.
Der Unterschied von N55 zu anderen Kunstschaffenden ist: Sie sind nicht auf Ästhetik aus. Sie wollen nicht die bestehende Welt ausgestalten, deren Unzulänglichkeiten kaschieren. Sie wollen sie überwinden und sie tun es. Wenn sie auf einer Ausstellung einen Umsonstladen "SHOP" oder ähnliches aufbauen, werden sie schon mal vom Kunstpublikum nicht wahrgenommen, weil das nahe liegende einfach zu fern liegt bei denen die vorgefertigte Erwartungen an den Tag legen.
Der partizipatorischen Philosophie und Lebenspraxis folgend ist das N55-Buch konzipiert. Es ist ähnlich wie die Website eine Ansammlung der Projekte und dazugehöriger Bedienungsanleitungen. Das Buch ist in englisch. Doch das Bildmaterial genügt auch schon. Es ist aber so angelegt die gezeigten Projekte nachzubauen. Insofern ist N55 visuell ähnlich agierende Projekten, wie etwa Redesign Deutschland, die am Ende sich lediglich als Pose und Form ohne Inhalt entpuppten, verwandt aber überlegen. Wo die anderen sich in der Vision gedanklich verrennen, um in der Realität bloß diese nachzuäffen, schaffen es N55 diese in Wirklichkeit revolutionär einzusetzen. Die Sprache ist dementsprechend unheimlich direkt und "matter of fact", die Utopie wird sofort fassbar und wird konkret:
SHOP enables persons to exchange things without the use of money. At SHOP, persons can contribute things for other persons to use, persons can use things, borrow things, swap things, or persons can take things they need. All sorts of things can be available at SHOP.
Construction: A SHOP can be situated inside buildings, outside buildings, or it can be mobile. The things present at SHOP are labelled in different categories in order to show: that they can only be used at SHOP (yellow tag), borrowed (magenta tag), or they can be used, borrowed, swapped or if necessary, taken (cyan tag).
Doch diese konkrete Utopie ist nicht nur Anleitung für Andere oder ein Ausstellungsstück. Die 4, jetzt nur 3 Beteiligten von N55 leben und arbeiten gemeinsam in einem Kollektiv. Sie minimieren die Menge an Privateigentum und maximieren das Gemeinsame. Für mich verkörpern sie eines der virtuos funktionierenden Beispiele, wie es auch anders funktionieren kann. Zudem ecken sie nicht an, wie das so oft Gegner des jetzigen Systems hauptsächlich machen. Sie schaffen eine bessere Wirklichkeit. Ein grosser Verlust, das ein Teil davon einem verfrühten Tod zum Opfer fallen musste.
Das bereits 2004 erschienene aber hierzulande weithin unbekannte Buch kostet 32 Euro und kann auf der Website bestellt werden. Das lohnt sich schon vermutlich aufgrund der Abbildungen der einmaligen architektonischen Projekte wie SPACEFRAME. Wer sich das aber nicht leisten kann oder mag, so wie ich, der lädt sich das PDF herunter.
Ein ausführlicher Nachruf auf Ingvil Aarbakke ist beim Guardian erschienen.
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