Frithjof Bergmann: Neue Arbeit - Neue Kultur

Rubrik » Buchkritik

NeueArbeitNeueKultur.jpgFrithjof Bergmann beauptet, daß viele Arbeiten im Bereich der Lohnarbeit wie eine "milde Krankeit" sind. Wenn die technische Entwicklung fortschreitet, so wird der Arbeitsplatz überflüssig und Entlassungen kündigen sich an. Diese Sinnkrise vieler Menschen wird von Bergmann aufgegriffen.

Text: Martin Wisniowski

Bergmann macht sich Gedanken wozu Arbeit da ist. Er stellt fest, dass das System der Lohnarbeit, dass gerade einmal ca. 200 Jahre alt ist in unserer Gegenwart Arbeitsplätze limitiert, denn das Angebot an Arbeitsplätzen - von Arbeitgebern induziert - ist beschränkt. Als Folge sind Arbeitslosigkeit und Unmut zu verzeichnen, da die gesellschaftliche Ethik vorsieht, dass nur ein Mensch der einen Arbeitsplatz hat ein 'wertvolles' Mitglied der Gesellschaft ist. Für Arbeitslose gilt dieses nicht: Arbeitslose werden gesellschaftlich nicht akzeptiert und sogar diskriminiert.

Arbeit ist unendlich

Tatsächlich aber gibt es genug zu arbeiten. Man denke polemisiert an die niemals endenwollende Hausarbeit. Oder an all die Dinge, die man eingentlich schon immer mal tun wollte. Bergmann schreibt, daß es beliebig viel Arbeit gibt wenn man sie nur nicht durch Arbeitsplätze limitiert.

Die Arbeit an Lohnarbeitsplätzen sei in den meisten Fällen keine selbstbestimmte oder zufriedenstellende Tätigkeit. Falls dem so ist, verschwendet der Arbeitnehmer seine Lebenszeit an den Arbeitgeber:

"Sehr verräterisch ist die Bereitschaft, die gesamte Arbeitszeit irgendwie auszuklammern: das ist eine Zeit, in der man nicht wirklich lebt, man zählt nur die Wochen und Monate, bis es vorbei ist. In gewissem Sinne ist man Teil des Fließbandes geworden, sich selbst hat man zurückgezogen.", S. 96

Alternativenlosigkeit

Bergmann sieht die Ausweglosigkeit sämtlicher derzeit aktuellen globalen Probleme in dem Mangel eines alternativen Systems zum Wirtschaftsliberalismus. In Wahrheit erkennen viele in unserer Gesellschaft die Probleme des Systems, doch welchen Ausweg soll man nehmen? Die Gesellschaft rast wie ein Zug auf den Abgrund zu, und das einzige Konzept der Politik scheint zu sein: mehr Wachstum und noch mehr Beschleunigung. Und die Massenmedien kloppen freudlich mit. Doch schon jetzt ist kaum Wachstum in industrialisierten Ländern mehr möglich.

"Warum in aller Welt folgen alle Regierungen diesem Weg? Zweifellos aus einem einzigen Grund: Sie kennen keine Alternative!", S. 111

Die Arbeit, die man wirklich, wirklich tun will!

foto-frithjof-bergmann.jpgNach der Kritik stellt Bergmann ein alternatives Konzept vor. Dieses Konzept sieht vor, dass man nicht mehr die Arbeitsportionen fremder Lohngeber bearbeitet, sondern in einem ersten Schritt erkennt, was man "wirklich, wirklich tun will." In unserer traditionslosen Zeit sei die Arbeit die man "wirklich, wirklich tun will" eine realistische Chance Sinnhaftigkeit und Lebenslust, ja sogar Transzendenz zu erfahren.

Bergmanns Ansatz entspringt aber nicht ausschließlich theoretischer Überlegungen. Seit 25 Jahren engagiert sich der Philosophieprofessor aktiv an Neue Arbeit Projekten auf der ganzen Welt. Eines seienr Ziele ist, einen Anstoss zu geben zum etablierten System zum Lohnarbeitssystem zu schaffen und durch Selbstbestimmung der eigenen Arbeit einer neuen Kultur vorschub zu leisten - für ein Arbeitssystem, dass frei ist von Zwängen und Fremdbestimmung.

Eines von Bergmanns Konzepten ist die sog. "High-Tech Eigenproduktion", also das eigene Herstellen von technologischen Gütern, ähnlich wie es in einigen der Software- und Kultursparten bereits teilweise praktiziert wird, nur auch auf die Produktion von Hardware und anderen Gütern erweitert.

Info

Neue Arbeit in Deutschland:
newwork-newculture.net

Bergmann, F.;"Neue Arbeit, Neue Kultur" arbor-Verlag, 2. Auflage, 2005; ISBN: 3-924195-96-X

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Kommentare

Wilkommen in der Welt von StarTrek, wo es kein Geld mehr gibt und jeder für die Entwicklung, Förderung und Wohlstand der Erdbevölkerung arbeitet.

Das ist momentan alles Wunschdenken! Denn Geld regiert die Welt, heißt es so schön. Und so lange das so bleibt wird sich nichts, aber rein garnichts daran ändern.

Um das System "Lohnarbeiter" nieder zu legen bedarf es schon einer Weltweiten Krise - und damit meine ich keine Öl-Kriese oder etwas ähnliches. The day after tomorrow ist das Stichwort. Ansonsten sehe ich da in den nächsten 50 Jahren keine Chance für etwas Anderes.

meint: Sebastian am 23.07.05

Hmm, ja. Es ist sehr schwierig die äußert plausiblen Gedanken in diesem Buch nur knapp wiederzugeben. Ich denke schon, dass sich da eine mögliche Wende abzeichnet. Zum einen Leben WIR in einem Wohlstand und Reichtum, den es so vorher einfach noch nie gegeben hat. Klapp doch mal eine Zeitung auf und studiere die Werbebeilagen: da wird einem alles förmlich Nchgeschmissen und alle beschweren sich noch "es sei zu teuer". UNS mangelt es eigentlich an nichts.

Und auf der anderen Seite steht die Krise doch schon kurz bevor. In der sog. dritten Welt findet der Urbanisierungs- und Suburbanisierungsprozess in einem sehr krassen ausmase statt. Die meisten Menschen auf der Welt haben garnix und Leben in reinem Elend, während wir unsere winzigen Sorgen pflegen. Erste Entladungen gibt es ja bereits.

Ich kann das Buch durchaus empfehlen. Wie gesagt: es ist sehr schwieg die darin enthaltenen plausiblen Ideen hier knapp wiederzugeben.

meint: 020200 am 23.07.05

Nochwas: keine Rede ist davon das Geld abzuschaffen! Es geht um ein neues System. Ein bissel wie DRM vs. Creative Commons.

meint: 020200 am 23.07.05

danke für den buchtipp!

meint: kus am 23.07.05

@sebastian: ich finde es schade, dass du eine gute idee oder einen traum für eine veränderung so negativ abnickst. ich kenne menschen, die planen gerade ihr leben in einem stillen vulkan. klingt alternativ, ist es auch und die wollen von der energie des vulkans leben. die bereiten ihren ausstieg ganz sanft vor.

jeder hat die möglichkeiten sein leben zu ändern. natürlich gibt es randbedingungen, die man nicht ändern kann. aber schon alleine die tatsache, dass du dich für deinen job entscheiden kannst, dass du frei bist, dass zu machen was du willst ist eines der größten güter. klar haben alle menschen unterschiedliche start-chancen, unterschiedliche fähigkeiten, ABER WER WILL DER KANN.

schon alleine das internet ist ein großer freiraum für freies denken. klar gibt es auch hier randbedingungen. aber jeder kann sich entfalten. WICHTIG ist dass man einfach anfängt. vielleicht erreicht man nicht alles, aber man sollte es VERSUCHEN, lernen, und wieder VERSUCHEN. mal ein bisschen mehr mut ;)

meint: mo. am 24.07.05

keine Ahnung ab das wirklich stimmt, klingt zumindest interessant :-)

"Says a programmer on Slashdot.org who outsourced his job: "About a year ago I hired a developer in India to do my job. I pay him $12,000 out of the $67,000 I get. He's happy to have the work. I'm happy that I have to work only 90 minutes a day just supervising the code. My employer thinks I'm telecommuting. Now I'm considering getting a second job and doing the same thing."

Mehr: http://tinyurl.com/3twss

meint: swen am 24.07.05

ich habe das buch "alvin toffler - the third wave" gelesen, da wird eine ähnliche problematik auch thematisiert.

die industrielle massenfertigung wandelt sich auch zur hyperindividuellen sonderanfertigung - die industrie stellt nur noch die maschinen und das material - der kunde wird praktisch zum designer. nebst dem und auch dem veränderten arbeitsgedanken als solchem, spricht das buch noch jede menge anderer aspekte an: gesellschaft, familie, wissenschaft etc etc. ich muss sagen, es hat mir echt die augen geöffnet und ich kann es nur jedem weiter empfehlen, leider nur in englisch verfügbar (z.b. bei amazon)

meint: martin donath am 24.07.05

guter artikel, danke. das thema ist sehr gut für einsteiger erklärt. ich hätte mir aber bei den alternativen etwas mehr konkretes gewünscht.

"Eines der vielfältigen Konzepte ist, dass wir die Güter für unser Leben selbst herstellen." klingt ja beinahe so wie "zurück in die steinzeit" noch hinter die arbeitsteilung jedenfalls. das bedürfte mehr erklärung.

meint: sum1 am 25.07.05

@sum1: ja, tatsächlich ist aber gemeint, dass man "high-tech" produkte zuhause oder in kleinen werkstätten herstellen kann. so etwa ähnlich dem CD-brennen.

meint: 020200 am 25.07.05

kein mensch kann wissen, was er dazu sagen soll.
was ist wachstum? was ist beschleunigung? grundsätzlich interessant, aber eine hilfe? eine utopie! villeicht sollten wir alle mehr bumsen, das wollen viele und es beschäftigt einige, keiner bleibt gelangweilt (es sei denn er/sie ist.... (irgendwie unattraktiv))

meint: sharian am 02.08.05

Da spricht einem natürlich vieles aus dem Herzen. Vor allem, wenn's darum geht, das zu tun, was man 'wirklich, wirklich' machen will. Sehr zentraler Punkt. Allerdings müßte mann dann mal genauer nachschmökern, welche Konzepte Bergmann auf Lager hat, wenn's darum geht die simplen Basics wie Miete, Frühstücksbrötchen und Kippen zu sichern. Denn erst wenn das jeden Monat klar ist, kann man sich den Luxus leisten, seine komplette Zeit und Energie in DIE EINE SACHE zu investieren - auch ohne, daß Kohle dabei rumkommt. Trotzdem: wurde Zeit, das diese Gedanken mal als zeitgemäßes Update ausformuliert wurden. Der Klassiker schlechthin auf dem Sektor ist aber immer noch Henry David Thoreaus' 'WALDEN'. Ökonomie vs. Müßiggang. Extrem lesenswert!

meint: disrupt am 03.08.05

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