Neu ist dieses Buch im Grunde genommen nicht. Es ist bereits 2001 auf Englisch erschienen. Viele der Texte sind nach Aussage vom Autor Geert Lovink in der net.time Mailingliste entstanden. Aha, ein Geekbuch? Hmm, eigentlich nicht. Das Buch gibt es jetzt für zwei Euro in deutscher Übersetung bei der Bundeszentrale für politische Bildung.Text: Martin Wisniowski
Der Appell des Niederländers Lovink gefällt mir unglaublich gut: Verabschieden wir uns vom utopischen Internet! Die Technik der Vernetzung führt uns weder in ein globales Dorf, noch in ein neues Babylon. Auch die virtuelle Realität wird nicht heute und bestimmt auch nicht in den nächsten Jahrzehnten Besitz vom Menschen ergreifen. Besinnen wir uns und schauen, was uns das Netz heute bringen kann. Uns es fällt auf: das Netz sind vor allem wir. Menschen, die gemeinsam an Dingen arbeiten, mal virtuell mal im "Real-Life".
Geert Lovink muss wissen wovon er spricht. Er selber war mehrere Jahre in dem berühmten Projekt "die digitale Stadt" in Amsterdam involviert und hat so den Wandel der bunten, multikulturellen Community in einen durschnittlichen DSL-Provider hautnah miterlebt. Danach widmete er sich einem intensiven Engagement in der net.time-Mailingliste, die sich möglicherweise als erste "kritische Internetkultur" bezeichnet; als Opposition zur Technikselbstverliebtheit. Lovinks 16-seitige Einleitung fühlt sich sich wie ein Manifest unserer Internetkultur an und sollte unter dem Kissen jedes Phlow-Lesers liegen.
"Netzwerke können aus dem Nichts aufgebaut werden und innerhalb von Wochen, Tagen, Minuten für unerhörte Aufregung sorgen. Nach dem Ende des Neuen muss eine Entscheidung getroffen werden. Entweder man verschwindet und wechselt auf der Suche nach dem nächsten Ding den Kanal oder man lässt sich auf ein längerfristiges Engagement ein.
Was daran hinterfragt werden muss, ist die Vorstellung unvermeidlicher Geschwindigkeit und unvermeidbaren Wachstums, wie die Werbelogik, dass Technologie in 'Internetzeit' entwickelt wird. So ist es aber nicht. Hardware und Software können über Nacht installiert, aber nicht entwickelt werden. Eine Datenbank kann in kürzester Zeit aufgesetzt werden, doch die Inhalte dafür zu produzieren, kann einige Zeit kosten. JavaScript ist nicht per se ein innovatives oder vermarktbares Item. Eine html-Datei ins Netz zu stellen ist keine Softwareentwicklung. Die nächste Version einer Applikation kann genauso gut einen Rückschritt darstellen. Veränderungen technologischer Paradigmen dauern Jahre.
Es ist fraglich, ob die menschliche Natur mit all ihren fatalen Mängeln und charmanten Defekten sich je ändern wird. Man tut daher gut daran, zwischen wahrer Begeisterung während Brüchen und langen Realitätszyklen zu unterscheiden, und sie nicht zu vermischen." (S. 14)
Das Buch widmet sich auf knapp sechzig Seiten den Fallbeispielen "Die Digitale Stadt" und "net.time" und untersucht auf den übrigen 270 Seiten weitere Aspekte des Netzes, wie globale Zeit, Medientheorie und Informationskriege. Beim Lesen bemerke ich, dass Netzkultur nicht statisch ist, sondern einfach passiert. Von einem Augenblick zum nächsten. Ein Zustand tatsächlicher, dauerhafter Dynamik. Die Bewegung schwingt zwischen virtuell und real, zwischen Akteur und Konsument. Alles ist möglich und in jedem Moment ensteht Veränderung. Jeder von uns erlebt seine eigene Geschichte.
Bei Bestellung in der Bundeszentrale empfehle ich auch dass Nachschlagewerk "Freie Software" von Volker Grassmuck. Am besten gleich mitbestellen.
Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de
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Übrigens: Dark Fiber ist eine Bezeichnung für ungenutzte Glasfaserkabel, die Telekommunikationsunternehmen als Reservepolster mitverbauen.
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meint: aragon am 28.09.04man sollte dann vielleicht auch gleich "Die Politik der Infosphaere" mitbestellen.
http://shorl.com/fedybrebuprija
meint: Thorsten am 11.10.04Danke für den Link, leider ist das zweite Buch zZt vergriffen. Bin mal gespannt auf das Buch ;)
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