Die Welt ist eine Scheibe. Netaudio etwa auch?

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MazinSaga.jpgNetaudio ist alles nur keine Szene, sagt man. Es ist eine neue Art des Musikvertriebs - so rauscht es regelmäßig durch die Medien. Es gäbe keinen festgelegten Stil, und bei der Unübersichtlichkeit der hunderttausend Netlabels kann ja eh keiner den Überblick behalten. Netaudio ist keine Szene? Phlow wagt einen alternativen Blick, und stellt fest, dass alles eigentlich ganz anders ist.

Text: Martin Wisniowski

So, so. Netaudio sei bloß ein Vertriebskanal. Keine festgelegten Musikstile, keine Zusammengehörigkeit. Szene kann man es schon gar nicht nennen. Wo sind denn schließlich die für eine Szene so typischen Erkennungsmerkmale wie Verhaltenskodex, Haltung, ein bestimmter Sound, ablesbare Codes und Helden der Szene? Das alles gibt es nicht? Schauen wir uns doch mal einige Dinge genauer an:

1. Der Verhaltenskodex oder die Haltung: Netaudio impliziert einen nicht ausgefochtenen Kampf gegen die Musikindustrie. Majorlabels sind böse, oder zumindest total verafft. Creative Commons ist der Ausweg aus dem Kulturdilemma des Abendlandes. Netlabels bleiben um jeden Preis unabhängig und sind hochgradig mißtrauisch gegenüber Marktstrukturen. Zum guten Ton gehört es immer wieder auf die Utopie hinzuweisen, dass es unermeßlich viele Musikstile im Netaudio gibt, bzw. geben wird. Und dass, obwohl der Sound doch sehr festgelegt ist.

2. Der Sound: Netlabels veröffentlichen elektronische Sounds. Dort gibt es die großen Antipoden: Tech-House und Experimental. Angereichtert durch ähnlich klingende Gernrebezeichnungen wie Dub-Tech, Ambient, Techno, Drones, Glitch und wie sie alle heissen mögen. Dazwischen findet man auch mal einige Bastarde wie Pop, Elektroclash oder Hip Hop. Das aber ist lediglich die Ausnahme. Ich kann mir dennoch gut vorstellen könnte, dass es davon zukünftig mehr geben wird. Denn Netaudio rutscht langsam in das soziale Bewusstsein.

3. Netaudio ist virtuell: Lokal lassen sich nur die wenigsten Netlabels verorten. Netlabelevents sind und bleiben Ausnahmen. Am ehesten fällt mir dazu noch Ideology, Thinner/Epsilonlab oder die Schweizer Netlabels ein. Der Osten Deutschlands mischt sich auch immer öfters ein. Aber sonst? Labelabende sind sporadisch, mäßig besucht und qualitativ extrem hochwertig. Denn hier merkt man, dass die Liebe zur Musik am Werk ist. Wenn ich mal schön tanzen wollte oder nur gute Musik hören wollte, dann würde ich zu Netlabelnights gehen. Das scheint ein echter Geheimtipp zu sein. Denn, die Geeks kommen mal raus und dürfen real an ihren Zaubergeräten herumfuhrwerken. Mit den Fingern über die Controller gleiten und so richtig fette Beats aus den Boxen lassen. Wann darf man das schon? Zu Hause nerven die Nachbarn und immer nur Kopfhörer ist ja auch öde. Proberaum? Gibt es sowas noch?

4. Die Player der Szene. Ja, ja. Es gibt ja so unglaublich viel Netaudiomusik da draussen. Das kann sich ja keiner alles anhören. Stimmt zwar, aber dennoch gibt es ein ziemlich klares Referenzgerüst, an dem sich Orientierungspunkte festmachen lassen. Ein spontanes Namedropping, total subjektiv und ohne drüber nachzudenken: Thinner, Phlow, TestTube, Subsource, Miasmah, Stadtgrün, One, Ideology, Chiffre, Interdisco. Na? Kennst du die alle? Oder die meisten? Siehste, Referenzen. Und ist euch schon mal aufgefallen, dass viele Netlabels aus dem europäischen Raum kommen?

Das Fazit: Netaudio ist wohl eine Szene. Sie agiert global und größtenteils unsichtbar, aber es gibt sie, und sie ist lebhaft, frisch und unverbraucht. Mail, IRC, ICQ, archive.org und scene.org sind die Manifestationspunkte dieser Szene. Liebe Fans elektronischer Musik, wir sind Teil einer Jugendbewegung. Wir sind die Proberäume des 21. Jahrhunderts. Wir sind global agierende Netzwerke. Wir haben das Internet mit der Muttermilch aufgesogen. Etwas neidisch sind wir manchmal schon auf die Jazzheads, die regelmäßig in kleinen Kaschemmen die Wände zum wackeln bringen. Aber hey, es ist Web 2.0, und wenn sich jemand mit Internet auskennt, so sind das sicherlich Netlabelbetreiber und Netlabelhörer.

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Kommentare

schön dass die sache mal jemand beim namen nennt, für manche scheinen dass ja doch recht unangenehme wahrheiten sein.

"Zum guten Ton gehört es immer wieder auf die Utopie hinzuweisen, dass es unermeßlich viele Musikstile im Netaudio gibt"

ich hab mich beim Lesen jedenfalls köstlich amüsiert :)

(ps: und wer andere musik macht: immer fleissig wiederlegen, die theorie!)

meint: usr am 08.04.06

"[...] und wenn sich jemand mit Internet auskennt, so sind das sicherlich auch Netlabels und Netlabelhörer."

-> "Mail, IRQ, ICQ, archive.org und scene.org die die Manifestationspunkte dieser Szene."

meint: Robin Hood am 08.04.06

Ist doch schon längst korrigiert. Okay, es muss natürlich ganz exakt heissen: Netlabelbetreiber. Soundblasterkarten waren mal.

meint: 020200 am 08.04.06

mein lieblingszitat:
*wir sind die proberäume des 21. jahrhunderts*

schöner artikel martin, und sehr wahr. solange wir netaudio-insider (hüstel) uns dergestalt reflektieren können ist an dem gedanken, einer szene anzugehören auch nischt schlimmes. oder?

meint: bettina rhymes am 09.04.06

Wirklich feiner Kommentar. Hätte fast noch bissiger sein können ;-)
Und als Beispiel, daß man auch nicht elektronische Rhythmen in ansprechender Qualität im Netz finden kann, nenne ich mal "Bavarian Open Source".

meint: tend am 09.04.06

ich bekomme hier im norden doch nur so wenig mit :D

wer behauptet, dass netaudio 'nur' ein vertriebskanal sei?

kann man den begriff 'netaudio' mittlerweile noch als exakte beschreibung für diese eine sache angeben oder ist das nicht schon eine grosse schublade wie z.b. 'techno' geworden?

ich komm mir im bezug auf 'netaudio' manchmal vor wie opa, dem die ganze welt irgendwie zu schnell geworden ist.

meint: Ronny am 09.04.06

"Denn Netaudio rutscht langsam in das soziale Bewusstsein."

hier siehst nach welchen begriffen die leute suchen. netaudio? fehlanzeige.
http://inventory.de.overture.com/d/searchinventory/suggestion/

meint: kus am 09.04.06

"Labelabende sind sporadisch, mäßig besucht und qualitativ extrem hochwertig."

Das beste Gegenbeispiel: NETLAG in Berlin (http://www.net-lag.de). Nicht sporadisch (jeden ersten Samstag im Monat) und immer gut besucht (regelmäßig 400 - 500 Gäste). "Qualitativ extrem hochwertig" trifft allerdings zu 100% zu. :)

meint: Q-Man am 09.04.06

spielt ihr an den abenden ausschliesslich netaudio releases oder bezieht sich das eher auf die herkunft der künstler?

meint: ronny am 09.04.06

Auf den NETLAG Parties wird ausschließlich GEMA-freie Musik gespielt. Das muss nicht zwangsläufig Netaudio sein, aber der größte Teil kommt schon aus dem Netz. Meine DJ Sets bestehen z.B. immer zu 100% aus Netaudio.

Q-Man

meint: Q-Man am 09.04.06

Irc? Ich hab meinen client noch nie benutzt, aber immer noch auf der Platte, da ich die Hoffnung nie aufgegeben habe, mal einen Hinweis auf nen Channel zu bekommen, in dem man sich über Netaudio und Co unterhalten kann.

"Denn Netaudio rutscht langsam in das soziale Bewusstsein."

Joa, "langsam" würd ich jetzt nicht sagen, vielleich: "kriecht sehr, sehr langsam und mühselig in das ..."
Ich bin immer wieder froh, wenn ich jemandem über Netlabel, creativ commons, netaudio... aufklären kann.

meint: Nörmi am 10.04.06

immerhin kürt das WIRE-magazin seine 15 liebsten netlabels an pominenter stelle, OFFLINE! allerdings, vom WIRE zum NME ist es noch ein weiter weg. im käsigen INTRO-forum gab es ende des jahres eine lustige diskussion als jemand den thread 'best of 2006' eröffnen wollte... die kids reagierten von 'kenn isch nisch' bis 'ist das nicht illegal?' mit allem nur nicht mit kenntnis der materie- jugendbewegung sieht anders aus. aber das wird schon noch. ;)

meint: Sven Swift am 10.04.06

'best of netaudio 2006' meine ich natürlich, sorri

meint: Schwift am 10.04.06

nörmi,

der klassische irc channel ist #trax im ircnet. gibt's auch im efnet, sind aber andere leute dort. ansonsten gibt's auch #realaudio im ircnet wo man immer mal den einen oder anderen trifft.

meint: ronny am 10.04.06

sach mal q-man, ihr nehmt auf der party doch geld ein oder? dh sie ist kommerziell. passt das denn mit creative commons zusammen (was ja angeblich die lösung aller probleme ist)?

Macht ihr denn: "You must attribute the work in the manner specified by the author or licensor." würde mich ja mal interessieren.

meint: Hannes am 10.04.06

ach ja kommerziell i.e.S. ist es auch wenn ihr die Mietkosten eures kommerziellen Veranstalters bezahlt. Das tut nichts zur Sache, ob für euch was bei rumkommt. so rein aus juristischer sicht

meint: Hannes am 10.04.06

Was? Oppa? Ist Luke da wirklich schon so aktiv?

meint: usr am 10.04.06

und schon wieder die nächste diskussion. mensch leute, langweilt euch das nicht langsam? go out and play!

meint: martin donath am 11.04.06

IRC + ICQ + Archiveszene.org is nimma so
wir machen eh alles über skype. und als host sonicsquirrel und der eigene server.
mehr brauchts doch net oder.

die player der szene ... sind ja leider nirgends mit foto abgebildet ... oder weiß irgendjemand wie 020200 aussieht ... ich find das is ein wenig das problem ... man kennt zwar viele leute aber ... eben nur den namen ... deswegen kann irgendwie von player nicht die rede sein. denk ich mal so ...


meint: firnwald am 12.04.06

gibt's in skype chaträume, konferenzen oder sowas? ich dachte das wäre nur ne face 2 face lösung.

die rede ist weniger von kontaktaufnahme als community-sein. allerdings habe ich von skype echt keinen plan...

irc ist halt was für die oldschooler und 'first generation' szener :) wie gesagt, von dem ganzen neumodernen schnack hab ich kaum ne ahnung.

ich habe letztendlich anhand einer mailingliste feststellen müssen, dass die meisten leute heutzutage ihre eigene wurst braten wollen, da jeder irgendwie eine klare vorstellung davon hat, wie's am 'besten' laufen soll. seitdem habe ich mich aus dem ganzen synergien-nutzen-und-was-bewegen wollen zurückgezogen. insofern kann ich es absolut verstehen, dass leute absolut ein problem damit haben, hinter dem begriff netaudio eine szene anzuerkennen. mir fehlt ein wenig die besinnung auf irgendwas konkretes. oder ein ort an dem man den eindruck vermittelt bekommt, dass man überblicken kann, was passieren wird oder was einzelne so planen. wenn das heute skype ist, brauch ich mal ne einweisung.

ansonsten bleibt #trax immer noch die auffangstelle für viele der aktivisten der ersten stunden. heutzutage absolut nicht mehr up2date aber immerhin...

meint: ronny am 12.04.06

netaudio ist, wenn es um techno geht, auf jeden fall schon in das unterbewusstsein der musikszene gerutscht. Denn immer mehr vinyl das ich in die haende kriege, bei meinem lokalen plattendealer, hat remixes oder tracks von namen die man vorher nur aus dem netlabel kontext kannte. Und auch wenn leute die nicht auf netlabels achten die platten kaufen haben sie doch schon kontakt mit netlabels irgendwie. Insbesondere wenn sie nicht faul sind sondern nachschaun wer die platte gemacht hat.

Steter tropfen ....

meint: Pascal Opitz am 12.04.06

ja schade, dass ich keine Antwort von q-man bekommen. Ist auch bezeichnend, dass die "Szene" keinen Bock auf noch eine Diskussion hat, welche die unlogische Selbstdarstellung der selben blosstellt.

CC solange es cool ist... aber scheiss drauf, wenn die Kohle anrollt. Live what you preach or leave it!

meint: Hannes am 12.04.06

@Hannes: was IMHO einfach noch fehlt ist eine easy Verwertungsgesellschaft für Creative Commons Inhalte.

meint: 020200 am 12.04.06

hannes,

diskussionen sind hier in den kommentaren so schwer nachzuvollziehen. schau doch bitte im netlabel-board.org vorbei, da macht's sicherlich mehr sinn.

grüsse!

meint: ronny am 13.04.06

@firnwald: du möchtest wissen wie der 020200 aussieht, der mit bürgerlichem namen martin wisniowski heißt. dann schau doch einfach mal

http://phlow.net/mag/info/unsere_schreiber.php

nach ;) da findest du ein paar fotos unserer schreiber. auch von martin.

meint: mo. am 13.04.06

sehr gut geschrieben der artikel. für mich, uns, bleibt allerdings abzuwarten in welche richtung sich "netlabel - netaudio" bewegt.
momentan empfinde ich es an der grenze zwischen einem alternativen ausweg und einer bewegung, die auf grund ihrer scheinbaren unübersichtlichkeit und schnelllebigkeit auch durchaus abschreckend wirken kann ...
auf jeden fall kommt dabei im moment gute musik raus - und das ist was zählt!

meint: verano am 22.04.06

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